NOTIZEN AUS DER LEKTÜRE
Thomas Merton · Der Berg der sieben Stufen · Beginn des zweiten Teils
Der Mensch wurde geschaffen, um in der Unterordnung unter ein übernatürliches Leben zu leben. Er war nie für ein rein natürliches Leben und eine rein natürliche Glückseligkeit bestimmt.
Der eine führt von selbst nach unten. Den anderen kann man nicht aus eigener Kraft gehen — und doch kann der Mensch ihn betreten: indem er sein Elend eingesteht und annimmt, was von oben kommt.
→ geh die Stationen durch: vom heutigen Zustand nach unten (−1, −2) und nach oben (1–5)
Eigener Wille, eigene Philosophie, eigene Ethik. Das sind keine offensichtlich bösen Dinge — sie stützen sich nur auf eine Quelle, die nicht ausreicht. Natürliche Liebe ist nach Merton immer in gewissem Sinn selbstsüchtig; der Weg aus ihr führt von selbst nach unten, ohne Anstrengung.
Das Ende des Weges nach unten. Keine Strafe von außen, sondern das logische Ziel einer sich selbst überlassenen Natur: der Zerfall. Darum sagt Merton, dass es den zweiten Weg geben „muss“ — und darum kann er nicht im Menschen beginnen. Weiter mit Station 1.
Der Anfang des Weges nach oben — der einzige Schritt, den der Mensch allein schafft. Keine Leistung, sondern ein Eingeständnis: Der Weg meiner Natur führt nach unten, und ich habe nichts in mir, womit ich ihn umkehren könnte. Genau damit beginnt Merton — der zweite Teil des Buches beginnt mit einer Diagnose, nicht mit einer Geschichte.
Den eigenen Willen, die eigene Philosophie, die eigene Ethik. Genau an der Grenze der menschlichen Kräfte: Weiter kommt aus eigener Kraft niemand. Die graue gestrichelte Linie über der Grenze ist der Weg, den er allein gehen möchte — und der nirgendwohin führt.
Die heiligmachende Gnade kommt von außen und von oben; der Mensch bringt sie nicht hervor, er empfängt sie nur. Der Lichtstreifen beginnt dort, wo die menschlichen Kräfte am Ende sind. Er ist kein Lohn für den Aufstieg — er ist das Einzige, was den Aufstieg möglich macht.
Das Werk der Gnade in der Seele: Glaube, Hoffnung und Liebe, die man sich nicht antrainieren kann (daher „eingegossen“), und die sieben Gaben des Geistes (Jes 11,2). Eine neue Ausstattung für eine Ordnung, die „die menschlichen Kräfte unermesslich übersteigt“.
Die Seele auf ihrer natürlichen Ebene ist ein klarer Kristall im Dunkeln: ihrem Wesen nach vollkommen, aber ohne etwas, das sie nur von außen bekommen kann. Sobald Licht in ihr aufstrahlt, wird sie gleichsam selbst zu Licht — und erhält Anteil an einer unendlich selbstlosen Liebe.
Wenn ein Lichtstrahl auf einen Kristall fällt, verleiht er ihm eine neue Eigenschaft. Und wenn Gottes Liebe auf dem Instrument der menschlichen Seele spielt, geschieht dasselbe. Das ist das Leben, das heiligmachende Gnade heißt. Klicke auf den rechten Kristall und schalte das Licht aus.
„Die Seele, auf ihrer eigenen natürlichen Ebene belassen, ist ein potenziell klarer Kristall, der im Dunkeln bleibt. Seinem Wesen nach ist er vollkommen, doch ihm fehlt etwas, das er nur von außen und jenseits seiner selbst empfangen kann. Sobald aber Licht in ihm leuchtet, wird er gleichsam zu Licht und scheint seine Natur im Glanz einer höheren Natur zu verlieren — der Natur des Lichts, das in ihm ist.“
Ein Kristall im Licht hört nicht auf, ein Kristall zu sein — er tut endlich das, wofür er geschliffen wurde. Die Dunkelheit hat an ihm nichts verdorben, aber auch nichts erleuchtet. Das Licht kommt nicht aus dem Kristall; der Kristall ist für das Licht da. Darum spricht Merton nicht von einem besseren Menschen, sondern von einem Menschen, dem etwas fehlt, das er sich nicht selbst geben kann.
Merton, ein frischer Konvertit, schreibt in der Sprache der thomistischen Theologie, die er gerade erst gelernt hat. Drei Begriffe genügen, damit das Kapitel Sinn ergibt.
Ein bleibender Zustand, kein flüchtiges Gefühl: Gottes eigenes Leben, das mit der Seele geteilt wird (2. Petr 1,4 — „Anteil an der göttlichen Natur“). Verliehen in der Taufe — darum endet das Kapitel am Taufbecken. Sie ist keine Hilfe zum guten Handeln, sondern eine neue Natur, aus der gutes Handeln erst erwächst.
Glaube, Hoffnung und Liebe (1. Kor 13,13). „Eingegossen“ im Gegensatz zu „erworben“: Eine natürliche Tugend trainierst du durch Wiederholung (die Tapferkeit und Mäßigung des Aristoteles), diese drei nicht — Gott gießt sie zusammen mit der Gnade in die Seele. Es sind Fähigkeiten, an die die menschliche Natur von selbst nicht heranreicht.
Sieben nach Jes 11,2: Weisheit, Verstand, Rat, Stärke, Erkenntnis, Frömmigkeit und Gottesfurcht. Anlagen, durch die der Mensch Gottes Führung bereitwillig folgt — in Mertons Bild der Strahl, der sich im Kristall in einzelne Farben bricht.
Das Ende des ersten Teils fand Merton an der Columbia University (1937–38): Gilsons Der Geist der mittelalterlichen Philosophie gab ihm den Begriff Gottes als aseitas — das Sein aus sich selbst; Huxleys Ends and Means führte ihn zu Mystik und Askese; der hinduistische Mönch Bramachari riet ihm, Augustins Bekenntnisse und die Nachfolge Christi zu lesen; und Blake, das Thema seiner Abschlussarbeit, lehrte ihn, dass Kunst ohne Glauben eine Sackgasse ist. Der zweite Teil beginnt also mit einer theoretischen Zusammenfassung dessen, was sich in ihm angesammelt hatte — und erzählt dann, wie es ausging: die Lektüre über Hopkins, der Satz „Worauf wartest du noch?“, der Weg nach Corpus Christi zu P. Ford und die Taufe am 16. November 1938.
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