Über die Sehnsucht nach der Berührung Gottes — und über den Weg dorthin, der überraschenderweise nicht über die eigene Anstrengung führt.
PARIS · 23. NOVEMBER 1654
„Feuer. Gott Abrahams, Gott Isaaks, Gott Jakobs — nicht der Gott der Philosophen und Gelehrten. Gewissheit. Gewissheit. Empfindung. Freude. Friede.“ Den Zettel mit diesen Worten trug er bis zu seinem Tod in seinen Mantel eingenäht.
Blaise Pascal · MemorialLONDON · 24. MAI 1738
„Ich spürte, wie mein Herz auf seltsame Weise erwärmt wurde. Ich erkannte, dass ich mein Vertrauen auf Christus setze, allein auf Christus — und ich bekam die Gewissheit, dass er meine Sünden weggenommen hat, gerade meine.“
John Wesley · Tagebuch, AldersgateÁVILA · UM 1560
„In den Händen des Engels sah ich einen langen goldenen Pfeil… Der Schmerz war so groß, dass ich stöhnte — und doch so süß, dass ich mir nicht wünschen konnte, er möge aufhören.“
Teresa von Ávila · Das Buch meines Lebens, Kap. 29NEW YORK · HERBST 1871
„Gott offenbarte sich mir, und ich erfuhr seine Liebe so sehr, dass ich ihn bitten musste, seine Hand zurückzuhalten.“ Über das, was ihm auf seinem Weg über die Wall Street begegnete, sprach er nur selten. Danach predigte er dieselben Predigten wie zuvor — mit unvergleichlicher Wirkung.
D. L. Moody · eigenes ZeugnisLOUISVILLE · 18. MÄRZ 1958
„Plötzlich überwältigte mich die Erkenntnis, dass ich all diese Menschen liebe.“ Mitten im Einkaufsviertel, nicht in der Klosterzelle: Nach Jahren der Abgeschiedenheit erkannte der Mönch, dass er von den anderen nie getrennt gewesen war.
Thomas Merton · Conjectures of a Guilty BystanderSOLESMES · OSTERN 1938
Eine Agnostikerin, der an Mystik nichts lag: Bei Migräne sprach sie Herberts Gedicht Love statt eines Gebets. „Christus selbst kam herab und nahm mich in Besitz.“ Sie suchte es nicht und erwartete es nicht.
Simone Weil · Attente de DieuDrei Zeugnisse, eine Sehnsucht — und aus ihr entspringt ein Weg.
GUTE NACHRICHT
Die Berührung Gottes ist kein Mythos und keine literarische Verzierung — die Zeugnisse wiederholen sich über Jahrhunderte und über alle Charaktere hinweg. Selbst der nüchterne Lewis schreibt, er halte die mystische Erfahrung „überhaupt nicht für eine Illusion“. Der Haken (Vácha): Sie bekommen in der Regel die, denen es gar nicht mehr darum geht.
„Gott gibt es nur dem, dem er will — und oft gerade dann, wenn die Seele am wenigsten daran denkt.“
Teresa von Ávila · Die Seelenburg, vierte Wohnungen, Kap. 2
SACKGASSE
Die Jagd nach dem Erlebnis selbst führt nirgendwohin. Lewis: Alle, die aufs Meer hinausfahren, „finden dasselbe“ — das Land, das hinter dem Horizont versinkt, Möwen, salzige Luft; Touristen, Händler, Piraten und Missionare. Ein Erlebnis lässt sich auch „chemisch oder durch Luftanhalten“ hervorrufen (Vácha) — für sich allein beweist es nichts. Das Gieren nach der nächsten und übernächsten Dosis ist körperliche Unersättlichkeit in geistlicher Verkleidung; deshalb entscheidet sich Lewis, gar nicht erst loszufahren.
„Alle Ausfahrten sind gleich; erst die Landung krönt die Fahrt.“
C. S. Lewis · Du fragst mich, wie ich bete – Briefe an Malcolm, 12. Brief
WAS HILFT
Teresa sieht in der Sehnsucht nach Tröstungen einen Mangel an Demut: zu meinen, wir hätten uns mit unserem „armseligen Dienst“ ein so großes Geschenk verdient. Besser vorbereitet ist, wer eher danach verlangt zu leiden und dem Herrn ähnlich zu werden, als Tröstungen zu empfangen. Und Lewis fügt hinzu: Ein Heiliger beweist dadurch, dass er ein Heiliger ist, dass seine Mystik ihn richtig geführt hat — niemals umgekehrt.
„Demut, Demut! Von ihr lässt Gott sich überwinden — und durch sie gewährt er uns alles, worum wir bitten.“
Teresa von Ávila · Die Seelenburg, vierte Wohnungen, Kap. 2
WAS IM WEG STEHT
Das Eingegossene lässt sich nicht herstellen. Teresa warnt ausdrücklich davor, den Verstand mit eigener Kraft anhalten zu wollen: „Schon die Anstrengung, an nichts zu denken, reizt die Einbildungskraft nur noch mehr“, und „gewaltsame Anstrengung schadet mehr, als sie hilft“. Die Anstrengung dreht sich im Kreis und kehrt immer zu sich selbst zurück — unser Teil ist die Treue im Gebet und die Hingabe: „die Seele in Gottes Hände zu legen, damit er mit ihr macht, was er will“.
„Dieses Wasser fließt nicht durch Wasserleitungen. Wenn die Quelle es nicht gibt, mühen wir uns vergeblich.“
Teresa von Ávila · Die Seelenburg, vierte Wohnungen, Kap. 2
WOHIN SCHAUEN
Die den Weg der Liebe gehen, „suchen nur, wie sie dem gekreuzigten Christus dienen können“ (Teresa) — manche bitten ihn sogar, ihnen in diesem Leben keine Tröstungen zu geben. Wer auf Christus schaut, hört auf, sich selbst zu beobachten. Genau dort darf die Berührung Gottes geschehen — sie muss aber nicht: Sie ist ein Nebenprodukt der Nähe, nicht das Ziel des Weges.
„Im katholischen Glauben geht es nicht in erster Linie um das Erlebnis. Es geht um Beziehung — um die Entscheidung, in eine Beziehung zu gehen.“
Marek Orko Vácha · Gebet der argentinischen Nächte
Das Ziel der Reise ist nicht das Erlebnis, sondern der, zu dem man fährt. Erlebnisse dürfen unterwegs geschehen.
Nach dem Historiker Carlos Eire (The Christian Mysticism Podcast, Staffel 1, Folge 15)
LUTHERS INNERER KAMPF
Der Mönch Luther las die Mystiker — Tauler und die anonyme Deutsche Theologie, Texte über Gottes Gegenwart im Innern des Menschen — und versuchte verzweifelt, die Zustände zu erreichen, von denen er las. Stattdessen: je mehr Askese, desto schärfer das Bewusstsein der eigenen Sündhaftigkeit und desto größer die Ferne von Gott. In der klassischen Dreiheit Läuterung → Erleuchtung → Vereinigung blieb er in der Läuterung stecken; er beichtete so unermüdlich, dass sich die Mitbrüder vor ihm versteckten. Sein Beichtvater Staupitz machte Schluss damit: Hör auf, einzelne Sünden zu zählen, sieh aufs Ganze — und mach einen Doktor in der Heiligen Schrift. Im Römerbrief fand Luther dann die Lösung: Das Heil ist keine Leistung, sondern Glaube; der Mensch ist zugleich Sünder und gerechtfertigt, und Vollkommenheit ist unmöglich. Damit fällt auch die mystische Leiter: Augenblicke der Nähe ja, Vereinigung nein. (Den Jakobusbrief mit seinem „Glaube ohne Werke ist tot“ tat er als „stroherne Epistel“ ab — die ganze Bibel sei durch den Römerbrief zu lesen.)
„Ich habe so viel gefastet und gewacht — wenn je ein Mönch durch seine Möncherei in den Himmel gekommen ist, dann hätte ich es sein müssen.“
Luther über seine Klosterjahre · Eires Paraphrase
LUTHER × ZWINGLI
Luther gab nichts auf Metaphysik: Die Vereinigung mit Gott fand er in der Schrift schlicht nicht. Der Zürcher Zwingli, Humanist und Platoniker, kam auf anderem Weg zum selben Punkt — die Materie ist ein Hindernis des Geistes, also weg mit den Bildern (Luther widersprach), und das Abendmahl ist nur ein Zeichen: „das IST mein Leib“ liest Zwingli als „bedeutet“, Luther beharrt auf IST, und das Treffen von 1529 endet im Zerwürfnis („Ich bin der Weinstock — war Jesus etwa eine Rebe?“). Im Wesentlichen aber waren sie sich einig: Die mittelalterlichen Ansprüche auf Vereinigung sind Täuschung, wenn nicht Blendwerk des Teufels; Askese bringt den Himmel nicht näher; und das Kloster — über tausend Jahre die Pflanzstätte der christlichen Mystik — schaffen beide ab, samt dem Zölibat als Tugend.
„Finitum non est capax infiniti — das Endliche kann das Unendliche nicht fassen.“
Huldrych Zwingli
THOMAS MÜNTZER († 1525)
Ein früher Anhänger Luthers, der die Reformation mystischer nahm als Luther selbst: Er hatte Visionen, empfing Offenbarungen und warf Luther vor, nicht weit genug zu gehen — in seinen Schriften nennt er ihn nicht einmal beim Namen, sondern schreibt vom „boshaften schwarzen Raben“ und vom „gottlosen Fleisch zu Wittenberg“. Als apokalyptischer Prophet predigte er, Jesus kehre nicht zurück, „bis die Frommen Krieg gegen die Gottlosen führen und sie besiegen“ — wörtlich gemeint. Im Bauernkrieg 1524–25 wies er sein Heer auf einen Regenbogen in den aufreißenden Wolken als Gottes Zeichen zum Angriff; die Schlacht endete im Massaker an den Bauern, und nach der Niederlage verlor Müntzer sein Leben. Für die Geschichtsschreibung der Beginn der „radikalen Reformation“.
„Alle wahren Hirten müssen Visionen haben.“
Thomas Müntzer gegen Luther
DIE STADT MÜNSTER (1534–1535)
Ein grausamer Scherz Gottes, sagt Eire: Nach Müntzer gibt es auch noch die Stadt Münster. Radikale seines Schlags übernahmen sie und riefen das Neue Jerusalem aus: Die Gemeinde regieren Älteste in „direktem Kontakt mit Gott“, einer der Anführer erklärte sich zum wiedergeborenen König David. Sie schafften Geld und Privateigentum ab und führten die Vielehe ein — einer Frau, die den Antrag eines Ältesten ablehnte, drohte die Todesstrafe; die Männer flohen in Scharen. Ein anderer Anführer vertraute einer Offenbarung, er sei immun gegen Kugeln, und fiel bei einem Ausfall auf der Stelle. Zum ersten Mal in der Geschichte der Reformation verbündeten sich ein lutherisches und ein katholisches Heer, nahmen die Stadt, ließen die Anführer bei lebendigem Leib häuten und zogen drei Leichen in eisernen Käfigen am Turm von St. Lamberti hoch, bis sie zu Staub zerfielen. Die Käfige hängen dort bis heute — von den Luftangriffen des Zweiten Weltkriegs zerstört, wurden sie nach dem Krieg wieder angebracht. Eine Warnung: Es gibt auch böse Mystik.
„Das ist Religion, die verrückt geworden ist.“
Carlos Eire in der Folge
DIE RÜCKKEHR DES PENDELS
Der harte Widerstand der Reformatoren erodierte mit der Zeit, und die Mystik kehrte in den Protestantismus zurück — nie mehr ganz dieselbe. Quäker und Shaker bekamen ihre Namen vom Zittern bei intensiven geistlichen Erlebnissen: Die körperlichen Erscheinungen sind wieder da (die Quäker sind dabei Pazifisten — das genaue Gegenteil von Münster; die heutige Pfingstbewegung gehört an dasselbe Ende des Spektrums). Und die Mährischen Brüder — Erben der böhmischen Brüderunität, die über Herrnhut bis nach North Carolina zogen — klingen für Eire fast wie mittelalterliche katholische Mystiker: Eine Studentin von ihm fand Texte mährischer Frauen über das Küssen der Wunde in Christi Seite.
„Wie kommt man von Luther dahin? Religion entwickelt sich eben immer weiter.“
Carlos Eire in der Folge
MYSTIK UND AUTORITÄT
Luther konnte bissig sein: Über seinen Wittenberger Kollegen Karlstadt, der sich ebenfalls auf den Geist berief, erklärte er, jener „meint, er habe den Heiligen Geist samt Federn verschluckt“. Hinter dem Scherz steht eine ernste These, die Eire von seinem Lehrer Steven Ozment (Mysticism and Dissent) übernimmt: Mystik ist ihrem Wesen nach ein Anspruch — wer Gott unmittelbar erfahren hat, erträgt die Institution schwer. Ohne einen Rahmen, der die Erfahrungen unterscheidet, endet es bei Müntzer und in Münster; mit ihm wird aus derselben Quelle ein Quäker — oder Johannes vom Kreuz, dem die nächste Folge gehört. Es ist kein Streit des Erlebnisses gegen die Ordnung, sondern die Frage, wer eine Offenbarung prüfen darf: der Anspruch des Einzelnen gegen den Frieden der Gemeinde.
„Mystik ist ihrem Wesen nach gefährlich — immer. Wie will man die Leute in der Kirche halten, wenn sie Gott gesehen haben? Wer erträgt die Institution, wenn er direkten Zugang zu Gott haben kann?“
Steven Ozment, Eires Doktorvater · Mysticism and Dissent
Luther und Zwingli schlossen den Weg nach oben — und das Erlebnis kehrte trotzdem zurück. Der Unterschied zwischen Münster und den Quäkern liegt am Ende nicht in der Stärke des Erlebnisses, sondern darin, ob es jemand prüfen darf.
Wie die Juden zur Zeit Jesu warten wir immer noch auf ein Ereignis, das den Erfolg unseres inneren Lebens bestätigt — einen ordentlichen Fang in Gestalt einer voll erlebten Gegenwart Gottes, die uns volle Befriedigung gäbe: das gute Gefühl, dass es uns endlich gelungen ist, dass wir gesiegt haben. Wie viel wichtiger ist uns die Illusion des Ruhms als die Wahrheit über das eigene Elend! …
Mein Gebet! Wie gern würde ich in meinem Gebet Erfolg haben. Ich möchte auf diesem Gebiet ein Meister werden, mit dem Herrn stets in Reichweite, zu meinen Diensten. Mein Gespräch mit ihm bestünde darin, dass er mir ständig versichert, er sei mit mir zufrieden… wie ich es ja auch mit mir selbst bin…
Der Herr zeigt mir jedoch sehr schnell die Eitelkeit dieser Dinge, und so gewinne ich Gefallen an der Armut. … Ich werde von ihr reden, ich werde mit ihr winken wie mit einer Ehrenfahne! Welch feiner Widerspruch — ich werde zum Besitzer meiner Armut! … Es gilt, die Stunde der wirklichen Armut der Seele abzuwarten. Die Stunde des Nichts. … Selige Armut, Schlüssel zu den Seligpreisungen!
Pierre-Marie vom Kreuz · Das Gebet des Armen
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