Gruppen zur Zeit Jesu

NOTIZEN ZUM BEMA-PODCAST · FOLGEN 74–81
Zwischen Maleachi und Matthäus wurde nicht geschwiegen. Der Hellenismus stellte Israel eine einzige Frage — und Israel gab fünf Antworten. In ihren Streit tritt Jesus.

„Die Zeit ist erfüllt, und das Reich Gottes ist nahe herbeigekommen.“ (Mk 1,15)

Die „stillen Jahre“, die nicht still waren

Aus dem Exil kehrt ein neues Judentum zurück: ohne Könige, dafür mit Synagoge, Schule und Lehrern. Dann kommt Alexander der Große mit seinem euangelion — der „guten Nachricht“ des Hellenismus: Bildung, Sport, Unterhaltung, Gesundheitswesen. Keine schlechten Dinge — aber sie tragen ein Weltbild in sich: der Mensch im Mittelpunkt; tu, was du willst, nimm dir, was du brauchst. Vier Jahrhunderte unter fremden Reichen entscheiden darüber, wer in den Evangelien um Jesus herum stehen wird.

332 v. Chr.
Alexander der Große — der Hellenismus kommt ins Land
198 v. Chr.
nach den Ptolemäern herrschen die Seleukiden
167 v. Chr.
Antiochus IV. entweiht den Tempel → Makkabäeraufstand, Chanukka
142 v. Chr.
die Hasmonäer herrschen — und hellenisieren sich selbst; die Frommen (Chasidim) ziehen nach Norden
63 v. Chr.
Pompeius in Jerusalem — Rom kommt
37–4 v. Chr.
Herodes der Große — ein idumäischer „König der Juden“ von Roms Gnaden; Umbau des Tempels
6 n. Chr.
römische Volkszählung → Aufstand des Judas des Galiläers; die Zelotenbewegung entsteht
70 n. Chr.
Krieg mit Rom — der Tempel fällt; von den fünf Gruppen überlebt nur eine
Eine Frage, fünf Antworten

Die Frage lautete: Wie bleibt man Gott treu in einer Welt, die der Hellenismus beherrscht — und danach Rom?

Jerusalem · die Tempelelite
Reichtum und Macht, gebunden an den Tempel und an Herodes
Chasidim — die „Frommen“ aus dem Aufstand
sie ziehen nach Norden nach Galiläa und teilen sich in zwei Zweige
Die Priester, die weggingen
„Gott hat dieses System verlassen“
Herodianer
Umarmung der Kultur
„Wir legen uns mit Rom ins Bett. Wir lieben es.“ (BEMA)
Sadduzäer
eine lohnende Partnerschaft
„Wir arbeiten mit — und füllen uns die Taschen.“ (BEMA)
Pharisäer
Widerstand durch Gehorsam
„Falsche Frage — überlass Rom Gott. Unsere Sache ist der Gehorsam.“ (BEMA)
Zeloten
Widerstand mit dem Schwert
„Freiheit wird erkämpft. Gott hilft denen, die das Schwert ziehen.“ (BEMA)
Essener
Rückzug in die Wüste
„Nichts wie weg. Rom? Welches Rom?“ (BEMA)
← Umarmung des Hellenismus Widerstand und Rückzug →
Die fünf Antworten aus der Nähe

Wer sie waren, wo sie lebten, was sie glaubten — und wie sie Jesus begegnen.

Pharisäer · peruschim, „die Abgesonderten“

BEMA 80
Der Eifer der Zeloten, gewendet zum Gehorsam: „Wenn wir endlich das Volk des Bundes sind, wird Gott uns befreien.“
  • Wer: eine Laienbewegung der Frömmigkeit aus dem Erbe der Chasidim; Lehrer des Volkes, zu Hause in der Synagoge.
  • Wo: Galiläa — das „Dreieck“ Chorazin · Betsaida · Kafarnaum; genau dort wirkt Jesus am meisten.
  • Glaubten: den ganzen Tanach + die mündliche Tradition („ein Zaun um die Tora“); Auferstehung, Engel, Gericht.
  • Darum sind sie so hart zu den „Sündern und Zöllnern“: Jeder Ungehorsame verzögert in ihren Augen die Erlösung.
  • Bei Jesus: theologisch ihm am nächsten — und deshalb ringen sie am meisten mit ihm. Er wirft ihnen Stolz und fehlendes Mitgefühl vor (Mt 11,21 · Mt 23), nicht ihre Treue. Nikodemus, Gamaliel und Paulus sind Pharisäer.
  • Nach 70 n. Chr.: die Einzigen, die überlebten — aus den Pharisäern wächst das rabbinische Judentum.
„Ihr gebt den Zehnten von Minze, Dill und Kümmel, aber ihr habt das Wichtigere im Gesetz vernachlässigt: Recht, Barmherzigkeit und Treue.“
Mt 23,23 — Jesus zu den Pharisäern

Zeloten und Sikarier · kanaim, „die Eiferer“

BEMA 79
Der zweite Zweig der Chasidim: „der Mythos der erlösenden Gewalt“ — Freiheit wird mit dem Schwert erkämpft, und wir haben den Eifer dafür.
  • Wer: eine Widerstandsbewegung; Vorbilder: Pinhas mit dem Speer (4. Mose 25) und die makkabäischen Kämpfer.
  • Wo: Galiläa; Judas der Galiläer führt den Aufstand gegen die Volkszählung an (6 n. Chr.) — „allein Gott ist König, dem Kaiser nicht einmal Steuern“.
  • Die Sikarier („Dolchmänner“, nach dem Dolch sica): Attentate auf Kollaborateure mitten in der Menge.
  • Bei Jesus: Simon der Zelot unter den Zwölf (Lk 6,15); die Menge fordert Barabbas statt Jesus; „wer das Schwert nimmt, wird durch das Schwert umkommen“ (Mt 26,52).
  • Das Ende: Sie führten das Land in den Krieg mit Rom (66–70) — der Tempel fällt; der letzte Widerstand auf Masada (73/74).
„Mein Reich ist nicht von dieser Welt. Wäre es das, würden meine Diener kämpfen.“
Joh 18,36 — Jesus vor Pilatus

Sadduzäer · zadokim, nach dem Priester Zadok

BEMA 76
Priesterliche Aristokratie: hellenistischer Komfort und Tempelbetrieb. Mit jeder Macht lässt sich ein Deal machen.
  • Wer: die hohepriesterlichen Familien und die reichen Eliten; sie beherrschen den Hohen Rat und die Tempelwirtschaft.
  • Wo: Jerusalem — die Paläste der Oberstadt, die Vorhöfe des Tempels.
  • Glaubten: nur die geschriebene Tora; keine Auferstehung, keine Engel, kein Endgericht (Apg 23,8) — der Segen ist hier und jetzt.
  • Sowohl unter den Hasmonäern als auch unter Herodes war das Hohepriesteramt ein politisches, käufliches Amt — deshalb verachteten die Frommen sie.
  • Bei Jesus: Sie wollen ihn mit einer Frage nach der Auferstehung fangen (Mk 12,18–27); die Tempelreinigung traf ihr Geschäft → die Hauptakteure im Prozess.
  • Nach 70 n. Chr.: ohne Tempel verloren sie ihren Sinn — sie verschwanden.
„Ihr irrt, weil ihr weder die Schrift kennt noch die Kraft Gottes. Er ist nicht ein Gott der Toten, sondern der Lebenden.“
Mk 12,24.27 — Jesus zu den Sadduzäern

Herodianer · die Partei des Hauses Herodes

BEMA 77
Der Hellenismus ist für sie keine Bedrohung, sondern eine Chance — Loyalität zu Rom im Tausch gegen Luxus.
  • Wer: eine politische Partei rund um die herodianische Dynastie; die „Brudergruppe“ der Sadduzäer (BEMA) — mehr Hof als Theologie.
  • Wo: die Höfe und die neuen Städte — Tiberias, Caesarea, Sepphoris.
  • Herodes der Große: Idumäer, sagenhaft reich (der nabatäische Gewürzhandel — BEMA 75), baute den Tempel um; „König der Juden“ von Roms Gnaden, paranoid und grausam.
  • Seine Söhne in den Evangelien: Antipas („dieser Fuchs“ — Lk 13,32) ließ Johannes den Täufer hinrichten und verhörte Jesus (Lk 23).
  • Bei Jesus: Sie verbünden sich mit den Pharisäern, um ihn zu vernichten (Mk 3,6); gemeinsam stellen sie ihm die Falle mit der Kaisersteuer (Mk 12,13).
„Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist.“
Mk 12,17 — die Antwort auf ihre Falle

Essener · „die Söhne des Lichts“, die Söhne Zadoks

BEMA 78
  • Wer: Priester, die das verdorbene Tempelsystem verließen — „Gott hat es verlassen“; den Gräbern nach vielleicht auch Frauen und Familien.
  • Wo: Gemeinschaften in der Wüste am Toten Meer — Qumran.
  • Leben: Gütergemeinschaft, tägliche Mikwe (rituelle Reinigung), eigener Kalender, Abschreiben des Textes — ihre Bibliothek = die Schriftrollen vom Toten Meer (Fund 1947).
  • Sie erwarteten das nahe Ende des Zeitalters: die Söhne des Lichts gegen die Söhne der Finsternis; in der Wüste „bereiten sie dem HERRN den Weg“ (Jes 40,3).
  • Bei Jesus: Im Neuen Testament treten sie nicht direkt auf; ihnen am nächsten steht Johannes der Täufer — Wüste, Untertauchen, derselbe Vers aus Jesaja.
  • BEMA 81: völlige Hingabe an den Weg — aber Isolation: Sie hatten keine Möglichkeit, die Welt zu erreichen, vor der sie geflohen waren.
„Es ruft eine Stimme: Bereitet dem HERRN den Weg in der Wüste!“
Jes 40,3 — das Motto der Wüstengemeinschaft und auch Johannes des Täufers
Wer sonst noch in der Geschichte steht

Der Tempel, der Text und die Menschen am Rand — die Gestalten, denen du in den Evangelien auf jeder Seite begegnest.

Priesterschaft und Hoher Rat

BEMA 76
  • 24 Priesterklassen dienen im Tempel im Wechsel (vgl. Lk 1,8 — Zacharias); über ihnen die hohepriesterliche Aristokratie: Hannas und sein Schwiegersohn Kajaphas.
  • Der Hohe Rat (Sanhedrin): 71 Mitglieder — Hohepriester, Älteste und Schriftgelehrte; das oberste Gericht des Volkes, geleitet vom Hohepriester.
  • Sadduzäische Mehrheit, pharisäische Minderheit (Gamaliel — Apg 5, Nikodemus, Josef von Arimathäa).
  • Die Tempelwirtschaft: Geldwechsel und Verkauf von Opfertieren — Jesus zitiert Jeremia: „eine Räuberhöhle“ (Mk 11,17).
  • Das nächtliche Verhör Jesu und die Übergabe an Pilatus; später aber „wurden auch viele Priester dem Glauben gehorsam“ (Apg 6,7).
„Es ist besser für euch, dass ein Mensch für das Volk stirbt, als dass das ganze Volk zugrunde geht.“
Joh 11,50 — der Hohepriester Kajaphas

Schriftgelehrte · soferim

BEMA 74 · 80
  • Ein Beruf, keine Partei: Abschreiber der Schriftrollen, Juristen und Ausleger des Textes — seit den Tagen Esras, des „kundigen Schriftgelehrten“ (Esra 7,6.10).
  • Meist pharisäischer Richtung, aber sie dienten auch der sadduzäischen Elite im Hohen Rat.
  • Sie schrieben Verträge, entschieden Streitfälle nach der Halacha und lehrten in den Synagogen.
  • Sie lehrten, indem sie die Tradition zitierten — deshalb staunen die Menschen, dass Jesus lehrt „wie einer, der Vollmacht hat, und nicht wie die Schriftgelehrten“ (Mk 1,22).
  • Streitpunkte mit Jesus: Sabbat, Reinheit, Vergebung der Sünden („er lästert Gott!“ — Mk 2,7) — aber auch gegenseitige Nähe.
„Du bist nicht fern vom Reich Gottes.“
Mk 12,34 — Jesus zu einem klugen Schriftgelehrten

Samaritaner

BEMA 257
  • Die Bewohner des ehemaligen Nordreichs Israel: nach dem Fall Samarias (722 v. Chr.) eine Mischung aus Israeliten und umgesiedelten Völkern (2. Kön 17).
  • Glaube: nur die fünf Bücher Mose (der Samaritanische Pentateuch); der heilige Berg ist der Garizim, nicht Jerusalem; sie warten auf einen Propheten-Erneuerer (Taheb) nach 5. Mose 18,15.
  • Gegenseitiger Hass: Die Hasmonäer zerstörten den Tempel auf dem Garizim (128 v. Chr.); „Samaritaner“ ist ein Schimpfwort (Joh 8,48); Pilger machen lieber einen Bogen um Samarien.
  • Bei Jesus: Er geht durch Samarien und spricht mit der Frau am Brunnen (Joh 4); der barmherzige Samariter (Lk 10); der dankbare Geheilte (Lk 17); das Evangelium für Samarien (Apg 8).
„Es kommt die Stunde, in der die wahren Anbeter den Vater im Geist und in der Wahrheit anbeten werden.“
Joh 4,23 — Jesus zur Samaritanerin

Am ha-Arez — „das Volk des Landes“

BEMA 74
  • Bauern, Fischer, Handwerker, Hirten — die überwältigende Mehrheit des Volkes.
  • Sie konnten weder alle Reinheitsregeln halten noch studieren — die Elite verachtete sie: „Diese Menge, die das Gesetz nicht kennt — verflucht sind sie!“ (Joh 7,49)
  • Bei Jesus: Genau aus ihnen beruft er seine Jünger — Fischer und einen Zöllner; die Menge hört ihm gern zu (Mk 12,37).
Die Bildungsleiter (BEMA 74)
1 · Bet Sefer (etwa 5–10 Jahre) — die ganze Tora auswendig; dann gehen die meisten nach Hause ins Handwerk
2 · Bet Talmud (etwa 10–14) — nur die Besten; der ganze Tanach
3 · Bet Midrasch — eine Handvoll der Besten bittet einen Rabbi: „darf ich dir nachfolgen?“ — sein Joch auf sich nehmen
Jesus dreht die Reihenfolge um: Den Fischern, die es „nicht geschafft haben“, sagt er selbst: „Folgt mir nach.“ (Mk 1,17)
„Als er die Menge sah, jammerte sie ihn, denn sie waren erschöpft und niedergeschlagen wie Schafe ohne Hirten.“
Mt 9,36
Ein Spiegel für uns

Jede Gruppe kann etwas — und jede zahlt einen Preis dafür. BEMA 81 lädt zu der Frage ein: welche Antwort lebe ich?

Sadduzäer + Herodianer
+ mitten in der Kultur, können sie mitgestalten
Bereitschaft zum Kompromiss für den eigenen Komfort
Essener
+ völlige Hingabe: den Weg kennen und ihn gehen
Isolation — die Welt, die sie lieben sollen, kennen sie gar nicht
Zeloten
+ Eifer — „wir brauchen Zeloten“ (BEMA)
in der Enge greift die Leidenschaft zum falschen Werkzeug
Pharisäer
+ leidenschaftliche Treue zu Gottes Geboten
Verlust der Empathie; sie machen sich zu Gottes Türstehern
„Wir sind kulturelle Herodianer und religiöse Pharisäer — wir konsumieren jeden Komfort unserer Kultur, und in der Religion fehlt uns das Mitgefühl.“
Marty Solomon über die Kirche von heute, BEMA 81
Und Jesus?

Er nahm weder das Schwert der Zeloten noch den Kompromiss der Sadduzäer, weder den Luxus der Herodianer noch die Flucht der Essener oder die Torhüterei der Pharisäer. Mitten in ihren Streit hinein kündigt er einen sechsten Weg an — sein eigenes euangelion:

„Die Zeit ist erfüllt, und das Reich Gottes ist nahe herbeigekommen. Kehrt um und glaubt an das Evangelium.“ Mk 1,15

Quellen
Bema-Podcast (Marty Solomon, Brent Billings) — Folgen 74 Synagoge · 75 Hellenismus · 76 Sadduzäer · 77 Herodianer · 78 Essener · 79 Zeloten · 80 Pharisäer · 81 association · Samaritaner: 257
Bibelzitate frei nach tschechischen Übersetzungen · bemadiscipleship.com