Die Evangelien

NOTIZEN AUS DEM BEMA-PODCAST · EPISODEN 83–87
Vier Blickwinkel auf eine Geschichte — warum wir vier Evangelien haben und warum wir sie nicht zu einem verschmelzen sollten.

„Anfang des Evangeliums von Jesus Christus, dem Sohn Gottes.“ (Mk 1,1)

Euangelion

„Gute Botschaft“ ist keine christliche Erfindung. Das Wort gab es lange vor dem Neuen Testament — es war ein Wort des Imperiums: die Ankündigung, dass ein neues Königreich kommt und mit ihm eine neue Weltordnung.

Als die Schreiber des Neuen Testaments ihren Text „euangelion“ nannten, war das eine subversive Provokation: Es gibt einen anderen König.

Das Euangelion Alexanders
„Das Königreich Griechenlands kommt.“

Der Hellenismus verbreitete sich durch Geschenke: Bildung · Gesundheitswesen · Athletik · Kunst. Eine schöne Welt — mit dem Menschen im Mittelpunkt.

Das Euangelion Caesars
„Die Pax Romana kommt.“

Frieden, Sicherheit und Ordnung für alle — mit militärischer Gewalt erzwungen. Caesar als „Sohn Gottes“ und Retter der Welt.

Das Euangelion Jesu
„Das Reich Gottes kommt.“

Nicht durch Schwert oder Konsum, sondern durch das Kreuz und einen Tisch für alle. Eine direkte Herausforderung an beide Imperien.

Vier Absichten,
nicht vier Versionen

Die Evangelien zu harmonisieren heißt, die falschen Fragen zu stellen. Die richtige Frage lautet nicht „Wie passt das zusammen?“, sondern „Warum hat der Autor es genau so geschrieben?“

Ein Beispiel: Bei Jericho heilt Jesus nach Markus und Lukas einen Blinden, nach Matthäus zwei (Mk 10,46 · Lk 18,35 · Mt 20,30). Das ist weder ein Irrtum noch ein Widerspruch — es ist ein bewusstes Muster bei Matthäus (unter anderem das Zeugnis zweier Zeugen, vgl. Dtn 19,15). Jeder Unterschied ist eine Einladung, nach der Absicht des Autors zu fragen.

Vier Stimmen

Jedes Evangelium spricht zu seinem eigenen Publikum — und wählt, ordnet und betont entsprechend. Wer den Adressaten kennt, versteht das Buch.

Mt

Matthäus

Zöllner · ein Jude schreibt an Juden
BEMA 84
◆ mamzer — „unehelich“, ein Mensch ohne reinen Stammbaum, ausgeschlossen aus der Versammlung (Dtn 23,3). Matthäus' Agenda: Gott liegt etwas an den Mamzern — an den Außenseitern.
  • Publikum: Juden in Israel und in der Diaspora — Leser, die die Tora auswendig kennen.
  • Der Stammbaum (Mt 1) lädt vier Frauen ein — Tamar, Rahab, Rut und Batseba: Ausländerinnen und „skandalöse“ Geschichten. Genau von ihnen handelt dieses Evangelium.
  • 3 × 14 Generationen — die Stilisierung ist Absicht; die rabbinische Tradition darf im Stammbaum Generationen überspringen.
  • „Himmelreich“ statt „Reich Gottes“ — jüdische Ehrfurcht vor dem Namen Gottes.
  • Das Muster: Wer sich sicher ist, drinnen zu sein, ist draußen — und wer „draußen“ ist, ist drinnen (Mt 8,11–12 · 21,31).
  • Jesus als neuer Mose: fünf große Reden = fünf Bücher der Tora; Berg, Wüste, Berufung aus Ägypten (Mt 2,15).
  • Martys Minderheitenmeinung: Matthäus wurde vielleicht als Erstes geschrieben — auf Hebräisch.
„Geht hin und lernt, was das heißt: Barmherzigkeit will ich und nicht Opfer. Ich bin nicht gekommen, Gerechte zu rufen, sondern Sünder.“
Mt 9,13
Mk

Markus

Johannes Markus, Petrus' Begleiter · ein Jude schreibt an Römer
BEMA 85
◆ euthys — „sogleich“: 41× in sechzehn Kapiteln. „Und sogleich… und sogleich…“ Markus' Agenda: Jesus der Tat — der wahre Retter.
  • Publikum: das praktische, militaristische Rom — es überzeugt Leistung, nicht Diskurs.
  • Das kürzeste Evangelium: kein Stammbaum, keine Geburt — Römer interessieren sich nicht für Vorfahren, sondern für Taten.
  • Er erklärt jüdische Bräuche und übersetzt aramäische Wörter (Mk 7,3–4 · 5,41) — das Publikum kennt sie nicht.
  • Weniger lange Reden, mehr Wunder und Tempo; ein starker, schneller Jesus mit Autorität.
  • „Wer ist der? Auch Wind und Meer sind ihm gehorsam!“ (Mk 4,41)
  • Geschrieben in eine Welt hinein, in der Soldaten Mithras verehren, den „Gott des Heils“ — Markus stellt den wahren Retter vor.
„Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene und sein Leben gebe als Lösegeld für viele.“
Mk 10,45
Lk

Lukas

Arzt, Paulus' Gefährte · schreibt an die griechische Welt
BEMA 86
◆ Parascha — die wöchentliche Toralesung in der Synagoge. Martys Lesart: Lukas ist ein „Begleiter der Parascha“ — er geht neben dem Synagogenzyklus her. Agenda: Rettung für die Verlorenen, bis ans Ende der Welt.
  • Publikum: Theophilus, ein griechischer Patron (Lk 1,3) — und mit ihm die ganze heidnische Welt.
  • Lukas–Apostelgeschichte: ein Werk in zwei Bänden — „was Jesus anfing, zu tun und zu lehren“ (Apg 1,1).
  • „Der Reihe nach“ (Lk 1,3) — die Ordnung ist theologisch, nicht chronistisch.
  • Mehr Gebete Jesu, mehr Freude und mehr Heiliger Geist als in jedem anderen Evangelium.
  • Jesus = ein Prophet wie Mose (Dtn 18,15 · Lk 24,19) — und zugleich der Retter der ganzen Welt.
  • Die Helden der Geschichten: Zöllner, Witwe, Samariter, verlorener Sohn — Verlorene und Gefundene; Arme, Frauen, Heiden.
„Denn der Menschensohn ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist.“
Lk 19,10
J

Johannes

Hirte der Gemeinden in Asien · schreibt an Juden wie Griechen
BEMA 87
◆ logos + ◆ ego eimi. Johannes' Agenda: Einpfropfung — die griechische Welt wächst in den Ölbaum Israels hinein (vgl. Röm 11).
  • Publikum: die griechisch-kleinasiatische Welt (Ephesus) — Jude und Heide in einer Gemeinde.
  • Der Prolog (Joh 1,1–18) = eine neue Genesis: „Im Anfang war das Wort.“
  • logos — ein Begriff der griechischen Philosophen (von Heraklit bis zu den Stoikern); Johannes übernimmt ihn und sagt: Der Logos hat ein Gesicht — das von Jesus.
  • 7 Zeichen (semeia) und 7 „ICH BIN“-Worte (ego eimi) — ein Echo des Gottesnamens (Ex 3,14): das Brot des Lebens · das Licht der Welt · die Tür · der gute Hirte · die Auferstehung und das Leben · der Weg, die Wahrheit und das Leben · der wahre Weinstock.
  • Er ordnet nicht chronologisch, sondern theologisch — er wählt aus, „damit ihr glaubt, dass Jesus der Messias ist, der Sohn Gottes“ (Joh 20,31).
  • Das Bild der Einpfropfung: ein fremder Zweig, in den alten Stamm eingesetzt — und er trägt dessen Saft.
„Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns. Wir sahen seine Herrlichkeit.“
Joh 1,14
Nebeneinander

Deshalb fragen wir nicht, welches Evangelium „genauer“ ist. Wir fragen, was der jeweilige Autor uns sehen lassen will — und lassen alle vier Stimmen nebeneinander erklingen.

Matthäus Markus Lukas Johannes
Autor Matthäus, Zöllner Johannes Markus, mit Petrus Lukas, Arzt, mit Paulus Johannes, Jünger
Publikum Juden Römer Theophilus und die griechische Welt die griechisch-kleinasiatische Welt
Schlüsselwort mamzer — Außenseiter euthys — „sogleich“ Parascha — geht mit dem Text logos · ego eimi
Jesus als der neue Mose, König der Juden der handelnde Sohn Gottes, der Diener ein Prophet wie Mose, Retter der Verlorenen das fleischgewordene Wort, „ICH BIN“
Beginnt mit dem Stammbaum ab Abraham direkt mit Action — der Taufe im Tempel, bei Zacharias „Im Anfang“ — vor der Schöpfung
Typisch 5 Reden, „Himmelreich“, Erfüllung der Schriften Tempo, Wunder, Erklärungen der Bräuche Gebet, Arme, Frauen, Samariter; geht in der Apostelgeschichte weiter 7 Zeichen, lange Gespräche, „die Stunde“
Schlussgedanke · BEMA 83–87

Matthäus schreibt an die Mamzer · Markus an die Römer · Lukas geht mit der Parascha · Johannes pfropft die griechische Welt in Israel ein. Zusammen: ein vollständiges Bild von Jesus für die ganze Welt.

Quellen
Bema-Podcast (Marty Solomon, Brent Billings) — Episoden 83 Gospel Narrative · 84 Matthäus — Mamzer · 85 Markus — das römische Evangelium · 86 Lukas — der Reihe nach · 87 Johannes — eingepfropft
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