Inneres Gebet

Eine Übersicht von 137 kurzen Tipps für alle, die Gebet nur als „Bitten und Amen“ kennen

„Inneres Gebet ist meiner Meinung nach nichts anderes als ein vertrauter freundschaftlicher Umgang, ein häufiges Verweilen allein mit dem, von dem wir wissen, dass er uns liebt.“ (Teresa von Ávila, Das Buch meines Lebens 8/5)

Danacham selben Tag
JahreMonate und Jahre des Weges
früherspäter
01 · VORHER13 Tipps

Warum sich darauf einlassen

Wer keinen Grund hat, hält die erste Woche der Trockenheit nicht durch. Dieses Kapitel sammelt Motivationen, die auch lange Zeiten tragen, in denen „nichts passiert“.

1

Gott hat vor dir angefangen

Inneres Gebet beginnt nicht mit deiner Entscheidung, sondern mit Gottes Suchen. Er klopft, du öffnest. Wenn du das weißt, hörst du auf, wie jemand zu beten, der Gott erst „herbeirufen“ muss, und beginnst wie jemand zu beten, der auf eine Einladung antwortet, die längst gilt.

Offb 3,20 „Siehe, ich stehe vor der Tür und klopfe an. Wenn jemand meine Stimme hört und die Tür öffnet, werde ich zu ihm hineingehen und mit ihm Mahl halten und er mit mir.“
Augustinus · Bekenntnisse 10/27

„Spät habe ich dich geliebt, du Schönheit, so alt und so neu, spät habe ich dich geliebt! Du warst innen, ich war draußen – und dort suchte ich dich.“

2

Es geht nicht vor allem um Dinge, sondern um Jemanden

Gebet nach Art von „Bitten herunterrattern und Amen“ behandelt Gott wie eine Behörde. Inneres Gebet ist eine Zeit, in der nichts erledigt wird – du bist einfach bei Ihm, weil Er ist. Die Bitten verschwinden nicht, aber sie hören auf, das Einzige zu sein, was zwischen euch geschieht.

Ex 33,11 „Und der Herr redete mit Mose von Angesicht zu Angesicht, wie einer mit seinem Freund redet.“
Teresa von Ávila · Das Buch meines Lebens 8/5

„Inneres Gebet ist meiner Meinung nach nichts anderes als ein vertrauter freundschaftlicher Umgang, ein häufiges Verweilen allein mit dem, von dem wir wissen, dass er uns liebt.“

3

Jesus brauchte es – du brauchst es mehr

Die Evangelien berichten wiederholt, dass Jesus an einsame Orte ging, früh am Morgen, allein. Er tat es nicht der Wirkung wegen. Wenn der Sohn Gottes regelmäßige Zeit allein mit dem Vater brauchte, ist es eine Illusion zu meinen, du schaffst es „nebenbei“.

Mk 1,35 „Früh am Morgen, als es noch dunkel war, stand er auf, ging aus dem Haus und ging an einen einsamen Ort, und dort betete er.“
4

Wurzeln, nicht Blätter

Gemeindeaktivität, Dienst, Musik, Kleingruppen – das alles sind Blätter. Ohne Wurzeln verdorren sie in einem einzigen trockenen Sommer. Inneres Gebet ist der Ort, an dem die Wurzeln Wasser saugen, von dem niemand weiß.

Joh 15,5 „Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht; denn ohne mich könnt ihr nichts tun.“
Bernhard von Clairvaux · Predigten über das Hohelied 18

„Sei ein Becken, kein Kanal. Der Kanal lässt das Wasser nur durch; das Becken füllt sich zuerst, und erst dann fließt es über.“

5

Ein Schatz, für den du alles verkaufst – mit Freude

Der Finder des Schatzes in Jesu Gleichnis verkauft alles, aber „vor Freude“. Niemand verzichtet aus Pflicht auf Bequemlichkeit, Schlaf und einen Teil des Tages; man verzichtet darauf, wenn man etwas gesehen hat. Inneres Gebet ist der Ort, an dem man sieht. Deshalb ist die erste Motivation die Sehnsucht, nicht die Disziplin. Disziplin schützt die Sehnsucht nur.

Mt 13,44 „Das Himmelreich gleicht einem Schatz, der im Acker verborgen war, den ein Mensch fand und verbarg; und in seiner Freude geht er hin und verkauft alles, was er hat, und kauft den Acker.“
6

Nicht Information, sondern Verwandlung

Man kann alles über Gott wissen und von ihm unberührt bleiben. Inneres Gebet ist der Weg, auf dem Gottes Wahrheit vom Kopf ins Herz und in die Hände gelangt. Der Mensch wird zu dem, worauf er lange schaut.

2 Kor 3,18 „Wir alle aber spiegeln mit aufgedecktem Angesicht die Herrlichkeit des Herrn wider und werden so in sein Bild verwandelt von einer Herrlichkeit zur andern – durch den Geist des Herrn.“
Søren Kierkegaard

„Das Gebet ändert nicht Gott, aber es ändert den, der betet.“

7

Ein Heilmittel gegen Oberflächlichkeit

Unsere Zeit ist überflutet und flach. Sie braucht nicht mehr Informationen oder mehr Aktivität, sondern Menschen mit Tiefe. Tiefe entsteht nicht im Lärm. Regelmäßige Zeit der Stille vor Gott ist heute einer der radikalsten Schritte, die ein gewöhnlicher Mensch tun kann.

Röm 12,2 „Und stellt euch nicht dieser Welt gleich, sondern ändert euch durch Erneuerung eures Sinnes, auf dass ihr prüfen könnt, was Gottes Wille ist, nämlich das Gute und Wohlgefällige und Vollkommene.“
Richard Foster · Celebration of Discipline

„Oberflächlichkeit ist der Fluch unserer Zeit. Wir brauchen dringend nicht mehr begabte Menschen, sondern tiefe Menschen.“

8

Gott spricht leise

Elija erwartete Gott im Sturm, im Erdbeben und im Feuer – und Gott kam in einer leisen, sanften Stimme. Wer nie still wird, hört nicht. Inneres Gebet ist die Art, sich Ohren zu besorgen.

1 Kön 19,12 „Nach dem Erdbeben ein Feuer, aber der Herr war nicht im Feuer. Nach dem Feuer eine leise, sanfte Stimme.“
Johannes vom Kreuz · Worte von Licht und Liebe 100

„Ein Wort hat der Vater gesprochen, das ist sein Sohn. Er spricht es immerfort in ewigem Schweigen – und im Schweigen muss die Seele es hören.“

9

Glaube wird dort wirklich, wo er geübt wird

Calvin nannte das Gebet die vornehmste Übung des Glaubens. Man kann rechtgläubige Ansichten haben und dabei wie ein praktischer Atheist leben. Inneres Gebet ist die Turnhalle, in der aus „ich glaube, dass Gott ist“ ein „ich bin vor Gott, der hier ist“ wird.

Hebr 11,6 „Wer zu Gott kommen will, der muss glauben, dass er ist und dass er denen, die ihn suchen, ihren Lohn gibt.“
Johannes Calvin · Institutio III/20

„Das Gebet ist die vornehmste und eigentlichste Übung des Glaubens.“

10

Der Himmel beginnt nicht erst nach dem Tod

Jesus verspricht, dass er und der Vater bei dem, der liebt, „Wohnung nehmen“ werden. Den Ort der Begegnung mit Gott musst du also nicht draußen suchen – du trägst ihn in dir. Inneres Gebet ist ein Besuch in dieser Wohnung.

Joh 14,23 „Wer mich liebt, der wird mein Wort halten; und mein Vater wird ihn lieben, und wir werden zu ihm kommen und Wohnung bei ihm nehmen.“
Elisabeth von der Dreifaltigkeit · Brief 122

„Ich habe meinen Himmel auf Erden gefunden, denn der Himmel ist Gott – und Gott ist in meiner Seele.“

11

Es ist nicht nur für Mönche und keine „katholische Sache“

Teresa schrieb für gewöhnliche Frauen, Bruder Lorenz war Koch, Luther schrieb eine Gebetsanleitung für seinen Barbier, Bonhoeffer ließ seine Studenten täglich eine halbe Stunde über der Schrift meditieren, und Comenius baute das ganze Paradies des Herzens auf der Rückkehr ins eigene Innere auf. Inneres Gebet ist das gemeinsame Erbe der ganzen Kirche.

Jan Amos Comenius · Das Labyrinth der Welt und das Paradies des Herzens 37

„Kehre zurück, woher du kamst, in das Haus deines Herzens, und schließe die Tür hinter dir.“

12

Die Frucht wird außerhalb des Gebets geerntet

Gutes Gebet erkennt man nicht daran, was man dabei gefühlt hat, sondern daran, wie man danach mit den Menschen ist. Geduld, Sanftmut, die Fähigkeit zu vergeben – das ist die Frucht. Und genau das sieht die Umgebung, auch wenn sie von deiner Stille nichts weiß.

Gal 5,22-23 „Die Frucht aber des Geistes ist Liebe, Freude, Friede, Geduld, Freundlichkeit, Güte, Treue, Sanftmut, Keuschheit.“
Johannes vom Kreuz · Worte von Licht und Liebe 59

„Am Abend des Lebens werden wir nach der Liebe gerichtet.“

13

„Ich kann nicht beten“ ist ein guter Anfang

Paulus sagt, wir wissen nicht einmal, wie wir beten sollen – und genau dort tritt der Geist ein. Inneres Gebet setzt nicht voraus, dass du etwas kannst. Es setzt voraus, dass du zugibst, dass du es nicht kannst, und bleibst. Pierre-Marie vom Kreuz fügt hinzu, dass unser Gebet, bevor es zur Begegnung mit Gott wird, lange nur seine Suche sein kann – und auch das ist Gebet.

Röm 8,26 „Desgleichen hilft auch der Geist unsrer Schwachheit auf. Denn wir wissen nicht, was wir beten sollen, wie sich's gebührt, sondern der Geist selbst tritt für uns ein mit unaussprechlichem Seufzen.“
02 · VORHER11 Tipps

Was inneres Gebet ist – und was nicht

Die meisten Ängste von Protestanten vor „Meditation“ stammen aus Missverständnissen. Dieses Kapitel vergleicht Begriffe, damit klar ist, worauf man sich einlässt.

14

Ein kleines Wörterbuch

Mündliches Gebet = Worte, eigene oder übernommene (etwa ein Psalm). Betrachtung = ich denke über Gottes Wort nach und lasse mich von ihm ansprechen. Inneres Gebet = einfaches Verweilen bei Gott, wo Worte und Gedanken weniger werden und Aufmerksamkeit und Liebe bleiben. Kontemplation = wenn darin vor allem Gott wirkt, nicht du. Kümmere dich nicht um genaue Grenzen; es sind Stufen eines Weges.

Guigo II. · Die Leiter der Mönche (Scala claustralium)

„Das Lesen sucht, die Betrachtung findet, das Gebet bittet, die Kontemplation kostet.“

15

Es ist kein Leeren des Geistes

Östliche Meditation sucht die Leere; christliches inneres Gebet sucht eine Person. Du versuchst nicht, nicht zu denken, du versuchst, bei Ihm zu sein. Stille ist nicht das Ziel, sondern der Raum, in dem das Wort erklingt. Jacques Philippe sagt es genau: Das Ziel des christlichen Gebets ist nicht das Aufgehen im All, sondern die Verwandlung in Gott, der uns von Angesicht zu Angesicht gegenübersteht. Wenn Christus aus deinem Gebet verschwindet, ist es kein christliches Gebet mehr, wie ruhig du dich auch fühlst.

Kol 3,16 „Lasst das Wort Christi reichlich unter euch wohnen.“
16

Es ist keine Technik, mit der man sich Gott „herstellt“

Methoden helfen, aber Gebet ist Gnade. Wer sich auf eine Methode verlässt, richtet das Gebet früher oder später auf sich selbst und seine Leistung. Benutze Hilfsmittel wie Krücken: Du legst sie gern ab, sobald du gehst.

Phil 2,13 „Denn Gott ist's, der in euch wirkt beides, das Wollen und das Vollbringen, nach seinem Wohlgefallen.“
17

Es geht nicht um Gefühle – aber Gefühle sind nicht verboten

Der Puritaner Jonathan Edwards vertrat, dass wahre Religion zu einem großen Teil in heiligen Gefühlen besteht. Zugleich gilt: Wir leben aus dem Glauben, nicht aus dem, was wir fühlen. Beides ist wahr: Heiße die Gefühle willkommen, aber baue nicht auf sie; halte am Glauben fest, auch wenn die Gefühle schweigen.

2 Kor 5,7 „Denn wir wandeln im Glauben und nicht im Schauen.“
18

Es ist keine Passivität, sondern höchste Aufmerksamkeit

In der Stille zu sitzen sieht aus wie Nichtstun. In Wirklichkeit ist es die anspruchsvollste Arbeit, die der Geist kennt: die Aufmerksamkeit bei Jemandem zu halten, der nicht zu sehen ist. Ein Sportler, der eine Position hält, „tut auch nichts“.

Simone Weil · Schwerkraft und Gnade

„Absolut reine Aufmerksamkeit ist Gebet.“

19

Es ist eine Freundschaft – und die hat ihre Regeln

Freundschaft entsteht nicht aus einem tiefen Treffen im Jahr, sondern aus vielen gewöhnlichen Momenten. So auch das innere Gebet: Die meisten Begegnungen werden gewöhnlich sein. Freunde treffen sich nicht nur, wenn sie etwas zu sagen haben.

Joh 15,15 „Ich nenne euch hinfort nicht Knechte; denn der Knecht weiß nicht, was sein Herr tut. Euch aber habe ich Freunde genannt; denn alles, was ich von meinem Vater gehört habe, habe ich euch kundgetan.“
Charles de Foucauld

„Beten heißt, an Gott denken und ihn dabei lieben.“

20

Es ist ein „Bleiben“

Jesu häufigstes Wort für die Beziehung zu ihm ist „bleibt“. Nicht „vollbringt“, nicht „erreicht“. Die Rebe muss nichts tun, nur sich nicht losreißen. Inneres Gebet übt genau diese Einfachheit: bleiben, wenn es nichts mehr zu sagen gibt.

Joh 15,4 „Bleibt in mir und ich in euch. Wie die Rebe keine Frucht bringen kann aus sich selbst, wenn sie nicht am Weinstock bleibt, so auch ihr nicht, wenn ihr nicht an mir bleibt.“
21

Armut ist das Eingangstor

Pierre-Marie vom Kreuz hat sein ganzes Buch auf einen Gedanken gebaut: Gott hindert nicht unsere Armut, sondern unser Bemühen, sie zu verbergen. Adam versteckte sich wegen seiner Nacktheit; wir verstecken uns wegen Zerstreuung, Unglauben, Leere. Komm, wie du bist, und verdecke nichts. Genau das ist das „Gebet des Armen“.

Mt 5,3 „Selig sind, die da geistlich arm sind; denn ihrer ist das Himmelreich.“
Pierre-Marie vom Kreuz · Das Gebet des Armen

„Gott ist Wahrheit, und wir können ihm nicht anders begegnen als in der Wahrheit über unsere Armut.“

22

Geschenk und Arbeit zugleich

Teresa vergleicht die Seele mit einem Garten, der bewässert werden muss. Am Anfang trägst du das Wasser mit dem Eimer aus dem Brunnen (lauter Mühe), dann drehst du das Schöpfrad, später fließt ein Bach zu, und schließlich regnet es – Gott tut alles selbst. Erwarte in der ersten Woche keinen Regen und schäm dich nicht für den Eimer.

Teresa von Ávila · Das Buch meines Lebens 11/7

„Mir scheint, der Garten lässt sich auf vier Arten bewässern: mit Wasser aus dem Brunnen, was große Mühe kostet; mit dem Schöpfrad; mit Wasser aus dem Bach; oder durch reichlichen Regen, wenn der Herr selbst bewässert, ohne jede Arbeit von uns.“

23

Das Ziel ist Gott selbst, nicht eine Erfahrung mit Gott

Wer eine Erfahrung sucht, bekommt höchstens eine Erfahrung. Wer Gott sucht, bekommt Gott – und manchmal Erfahrungen dazu. Pierre-Marie vom Kreuz stellt die unangenehme Frage, ob unser Hunger nach geistlichen Tröstungen so groß ist, dass wir ihr Ausbleiben nicht ertragen. Lerne zu fragen: Suche ich dein Angesicht, oder suche ich das angenehme Gefühl, dein Angesicht zu suchen?

Ps 27,8 „Mein Herz hält dir vor dein Wort: ‚Ihr sollt mein Antlitz suchen.‘ Darum suche ich auch, Herr, dein Antlitz.“
24

Den Feind des Gebets gibt es

Du musst nicht hinter jeder Zerstreuung einen Dämon sehen, aber Schrift und Erfahrung bezeugen, dass das Gebet ein Schlachtfeld ist. Wer dich vom Gebet wegführen will, greift selten frontal an; eher bietet er dir etwas Dringenderes an. Wenn kurz vor dem Gebet zehn notwendige Dinge „auftauchen“, nimm es als Bestätigung, dass du am richtigen Ort bist.

Eph 6,18 „Betet allezeit mit allem Bitten und Flehen im Geist und wacht dazu mit aller Beharrlichkeit im Gebet für alle Heiligen.“
Teresa von Ávila · Das Buch meines Lebens 11/4

„Es gibt so viele Dinge, die der Teufel den Menschen gleich am Anfang vor Augen stellt, damit sie sich auf diesen Weg gar nicht erst begeben.“

03 · VORHER16 Tipps

Die Ordnung des Lebens

Cassian hat es im fünften Jahrhundert gesagt: Wir beten so, wie wir vor dem Gebet gelebt haben. Inneres Gebet ist keine isolierte halbe Stunde, sondern der Gipfel eines Tages, der es entweder trägt oder zu Fall bringt. Dieses Kapitel handelt davon, was sich außerhalb des Gebets ändern muss, damit in ihm überhaupt etwas geschehen kann.

25

Die Eile ausrotten

Eile ist nicht nur ein voller Terminkalender; sie ist ein Zustand des Herzens, und in der Eile kann man weder lieben noch beten. Als John Ortberg Dallas Willard fragte, was er für sein geistliches Leben tun solle, bekam er einen einzigen Rat: die Eile erbarmungslos ausrotten. Ein praktischer Anfang: Wähle an der Kasse die längere Schlange, fahr auf der langsameren Spur, lass zwischen Terminen fünf Minuten Leere. Wer tagsüber lernt, nicht zu eilen, kann abends sitzen.

Jes 30,15 „Wenn ihr umkehrtet und stille bliebet, so würde euch geholfen; durch Stillesein und Hoffen würdet ihr stark sein. Aber ihr wollt nicht.“
John Ortberg · Das Leben, das du dir immer gewünscht hast

„Eile ist nicht nur eine Störung des Terminplans. Eile ist eine Störung des Herzens.“

26

Eine tägliche Diät der Stille

Stille ist für das Gebet, was der Boden für das Samenkorn ist. Wer den ganzen Tag von Lärm, Musik im Ohr und Podcasts umgeben ist, wird im Gebet keiner Stille fähig sein, weil er sie nicht kennt. Richte kleine Inseln der Stille ein: die Autofahrt ohne Radio, das Abwaschen ohne Kopfhörer, die ersten zehn Minuten des Tages ohne Bildschirm. Die Stille muss nicht „geistlich“ sein; es genügt, dass sie ist.

Ps 131,2 „Ich habe meine Seele beruhigt und gestillt. Wie ein kleines Kind bei seiner Mutter, wie ein kleines Kind, so ist meine Seele in mir.“
Thomas von Kempen · Die Nachfolge Christi I/20

„In Stille und Ruhe gedeiht die fromme Seele.“

27

Schlaf ist eine geistliche Disziplin

Wer um Mitternacht ins Bett geht und um sechs aufsteht, hat keine Chance, morgens anders als im Halbschlaf zu beten. Ein unausgeschlafener Mensch ist gereizt, zerstreut und gefühlsmäßig flach – und genau so kommt er zu Gott. C. S. Lewis warnte, dass die letzten Augenblicke vor dem Einschlafen die schlechtestmögliche Zeit zum Beten sind, weil dann niemand mehr denken kann. Geh früher schlafen. Das ist eine Gebetsentscheidung.

Ps 127,2 „Es ist umsonst, dass ihr früh aufsteht und hernach lange sitzet und esset euer Brot mit Sorgen; denn seinen Freunden gibt er es im Schlaf.“
28

Morgens, vor der Welt

Die meisten Lehrer des Gebets sind sich über den Morgen einig – nicht weil er heiliger wäre, sondern weil er noch nicht besetzt ist. Am Nachmittag konkurrieren hundert Dinge mit dir um die Zeit. Luther warnt vor dem Gedanken „in einer Stunde“: Man wartet, bis man dies und jenes fertig hat, und der Tag ist weg. Der Morgen ist die einzige Zeit, die dir niemand nehmen kann – wenn du sie als Erstes nimmst.

Ps 5,4 „Herr, frühe wollest du meine Stimme hören, frühe will ich mich zu dir wenden und aufmerken.“
Martin Luther · Eine einfältige Weise zu beten

„Hüte dich vor dem Gedanken: Wart, in einer Stunde will ich beten, erst muss ich dies und das erledigen. Der Tag geht dir davon.“

29

Zuerst eine glückliche Seele, dann der Dienst

Nach Jahren stellte George Müller fest, dass er einen Fehler machte: Gleich nach dem Aufwachen stürzte er sich ins Gebet für die Waisenhäuser, aber sein Herz war kalt. Er änderte die Reihenfolge: Zuerst las er die Schrift, bis seine Seele sich im Herrn freute, und erst dann betete er. Bitten kann nicht der Erschöpfte und Gereizte, sondern der, der sich gesättigt hat. Die Reihenfolge ist: Lass dich zuerst ansprechen, dann sprich.

George Müller · Aufzeichnungen

„Die erste große und wichtigste Sorge eines jeden Tages ist, dass meine Seele im Herrn glücklich ist.“

30

Das Telefon physisch woanders

Nicht „auf lautlos“, nicht „Bildschirm nach unten“ – in einem anderen Zimmer. Das Gehirn weiß, dass das Telefon nebenan liegt, und ein Teil der Aufmerksamkeit bleibt bei ihm, auch wenn du es nicht siehst. Wer sich einen gewöhnlichen Wecker für ein paar Euro kauft, bekommt die Morgen zurück. Dasselbe gilt für Smartwatches.

Ps 119,37 „Wende meine Augen ab, dass sie nicht sehen nach unnützer Lehre, sondern erquicke mich auf deinem Wege.“
31

Eine kleine Lebensregel

Mönche haben eine Regel: eine Ordnung, die im Voraus entscheidet, wann was getan wird, damit sie es nicht jeden Tag neu klären müssen. Schreib dir deine: wann du aufstehst, wann du betest, wann du mit dem Bildschirm aufhörst, wann du einen Tag der Stille hast. Drei bis fünf Zeilen, nicht mehr. Entscheidungen, die du einmal triffst, kosten dich nicht mehr jeden Morgen Willenskraft. Eugene Peterson spricht von einem „langen Gehorsam in dieselbe Richtung“; genau das ermöglicht die kleine Regel.

Ps 90,12 „Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden.“
32

Gebet und Arbeit sind keine Konkurrenten

Bruder Lorenz war Klosterkoch und behauptete, im Lärm der Küche, wo viele Leute vieles zugleich von ihm wollten, Gott genauso zu erleben wie beim Knien vor dem Sakrament. Inneres Gebet schließt sich nicht in die halbe Stunde ein; die halbe Stunde ist nur der Ort, an dem du lernst, was du dann in die Arbeit mitnimmst. Und Arbeit, die für Gott getan wird, führt zum Gebet zurück.

Kol 3,23 „Alles, was ihr tut, das tut von Herzen als dem Herrn und nicht den Menschen.“
Bruder Lorenz · Die Übung der Gegenwart Gottes, 4. Gespräch

„Im Lärm meiner Küche besitze ich Gott mit derselben Ruhe, als kniete ich vor dem Allerheiligsten.“

33

Aufgeräumte Beziehungen

Jesus spricht von der Gabe am Altar und dem unversöhnten Bruder: Geh zuerst hin, dann bring sie. Ein ungelöster Konflikt, eine Schuld, Unversöhnlichkeit – all das meldet sich genau in dem Moment, in dem du still wirst, und es wird lauter sein als jede Zerstreuung. Wer innerlich beten will, muss regelmäßig aufräumen. Manchmal ist die beste Vorbereitung auf das Gebet ein Telefonanruf.

Mt 5,23-24 „Darum: Wenn du deine Gabe auf dem Altar opferst und dort kommt dir in den Sinn, dass dein Bruder etwas gegen dich hat, so lass dort vor dem Altar deine Gabe und geh zuerst hin und versöhne dich mit deinem Bruder und dann komm und opfere deine Gabe.“
34

Bequemlichkeit und Gebet gehen nicht zusammen

Teresa schreibt diesen Satz in dem Kapitel darüber, wie das Leben der Schwestern aussehen soll, und sie ist unerbittlich. Wer sich in allem schont – beim Essen, in der Bequemlichkeit, darin, nie zu frieren, nie hungrig oder ohne Unterhaltung zu sein –, erträgt nicht einmal eine halbe Stunde Leere. Pierre-Marie vom Kreuz sieht es genauso: Trägheit, Bequemlichkeit, Zerstreuung und überflüssiges Reden stellen den Menschen am Ende vor ein Ultimatum – entweder das oder das Gebet. Du musst kein Asket sein. Es genügt zu bemerken, wo du dich schonst, und dich ab und zu dort nicht zu schonen.

Jes 55,2 „Warum zählt ihr Geld dar für das, was kein Brot ist, und euren sauren Verdienst für das, was nicht satt macht? Hört doch auf mich, so werdet ihr Gutes essen und euch am Köstlichen laben.“
Teresa von Ávila · Der Weg der Vollkommenheit 4/2

„Bequemlichkeit und Gebet gehen nicht zusammen.“

35

Achte darauf, womit du dich tagsüber nährst

Was du am Nachmittag in den Kopf gelassen hast – der Streit im sozialen Netzwerk, die Serie, die Nachricht, die dich geärgert hat – ist genau das, was dir im Gebet aufspringt. Cassian sagt, wir beten so, wie wir vor dem Gebet gelebt haben, und Pierre-Marie vom Kreuz baut auf diesem Satz seine ganze Auslegung zur Zerstreuung auf: Vor allem die letzte Viertelstunde vor dem Gebet entscheidet. Praktische Regel: Eine Viertelstunde vor dem Gebet nichts Neues mehr hineinlassen.

Spr 4,23 „Behüte dein Herz mit allem Fleiß, denn daraus quillt das Leben.“
Johannes Cassian · Unterredungen 9/3

„Wie wir im Gebet sein wollen, so müssen wir uns bemühen, schon vor dem Gebet zu sein.“

36

Einsamkeit und Gemeinschaft halten einander

Inneres Gebet ist keine Flucht aus der Gemeinde. Wer allein mit Gott sein kann, bringt in die Gemeinde etwas ein, was dort sonst fehlt; und die Gemeinde schützt ihn wiederum davor, dass seine Einsamkeit in Selbstbezogenheit oder Sonderlingstum umschlägt. Bonhoeffer sagt beides in einem Satz. Halte beides: morgens die Stille, abends die Menschen.

Dietrich Bonhoeffer · Gemeinsames Leben

„Wer nicht allein sein kann, der hüte sich vor der Gemeinschaft. Wer nicht in der Gemeinschaft steht, der hüte sich vor dem Alleinsein.“

37

Fasten reinigt das Gehör

Fasten ist nicht nur „nicht essen“; es ist eine Form der Leere, in der der Körper die Seele daran erinnert, dass ihr etwas fehlt. Wer ab und zu fastet, stellt fest, dass der Hunger nach Essen und der Hunger nach Gott zusammenhängen und dass ein voller Magen schlecht betet. Fang bescheiden an: ein Tag pro Woche ohne Mittagessen, und die Mittagszeit gehört der Stille. Sprich nicht darüber.

Mt 6,17-18 „Wenn du aber fastest, so salbe dein Haupt und wasche dein Gesicht, damit du dich nicht vor den Leuten zeigst mit deinem Fasten, sondern vor deinem Vater, der im Verborgenen ist; und dein Vater, der in das Verborgene sieht, wird dir's vergelten.“
38

Ein Tag pro Woche anders

Die Sabbatruhe ist keine jüdische Besonderheit, sondern Gottes Geschenk an Menschen, die sonst nicht aufhören. Wer sieben Tage die Woche erledigt, kann auch im Gebet nicht aufhören. Wähle einen Tag (oder wenigstens einen halben), an dem nichts erledigt, gekauft oder geplant wird – und bemerke, wie schwer das ist. Gerade die Schwierigkeit zeigt, wie sehr du es brauchst.

Mk 6,31 „Und er sprach zu ihnen: Geht ihr allein an eine einsame Stätte und ruht ein wenig. Denn es waren viele, die kamen und gingen, und sie hatten nicht Zeit genug zum Essen.“
39

Dein Wollen verengen

Der Psalmist bittet um „eines“. Die meisten von uns wollen tausend Dinge und können sich deshalb keinem widmen. Inneres Gebet braucht einen Menschen, der weiß, was er am meisten will. Es geht nicht darum, nichts zu wollen, sondern darum, seine Wünsche so zu ordnen, dass einer obenan steht. Versuch aufzuschreiben, was deiner ist – und was ihm im Weg steht.

Ps 27,4 „Eines bitte ich vom Herrn, das hätte ich gerne: dass ich im Hause des Herrn bleiben könne mein Leben lang, zu schauen die schönen Gottesdienste des Herrn und seinen Tempel zu betrachten.“
Nikolaus Ludwig von Zinzendorf

„Ich habe nur eine Passion: das ist Er, nur Er.“

40

„Ich habe keine Zeit“

Pierre-Marie vom Kreuz beginnt eine seiner Überlegungen mit der Beobachtung, dass alle außer Atem sind: Jeder hat so viel Arbeit, dass niemand mehr Zeit hat, auch nur nichts zu tun – und dabei kann nur Gott den Atem zurückgeben. „Ich habe keine Zeit“ ist der häufigste Grund, warum wir nicht beten, und fast immer ist er unwahr. Versuch eine Woche lang in halben Stunden aufzuschreiben, wohin deine Zeit geht. In der Regel zeigt sich, dass die Zeit da ist; sie ist nur von Dingen besetzt, von denen wir nicht einmal wissen, dass wir sie tun.

Eph 5,15-16 „So seht nun sorgfältig darauf, wie ihr euer Leben führt, nicht als Unweise, sondern als Weise, und kauft die Zeit aus; denn es ist böse Zeit.“
Pierre-Marie vom Kreuz · Ich habe keine Zeit

„Niemand hat mehr Zeit, auch nur nichts zu tun.“

04 · VORHER13 Tipps

Vor dem Gebet

Das Gebet entscheidet sich in den ersten fünf Minuten – und die entscheiden sich, bevor du dich überhaupt hinsetzt. Dieses Kapitel handelt von der unmittelbaren Vorbereitung: Ort, Zeit, Körper, Kopf und Herz.

41

Ein fester Ort

Jesus sagt „geh in dein Kämmerlein“. Es geht nicht nur um Privatsphäre, sondern um einen Ort, den dein Körper mit dem Gebet verbindet, wie er das Bett mit dem Schlaf verbindet. Ein Stuhl in der Ecke, ein Kissen am Fenster, eine Bank im Garten. Bete nicht dort, wo du arbeitest, und arbeite nicht dort, wo du betest. Nach einem Monat merkst du, dass du schon still wirst, wenn du dich dort hinsetzt.

Mt 6,6 „Wenn du aber betest, so geh in dein Kämmerlein und schließ die Tür zu und bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist; und dein Vater, der in das Verborgene sieht, wird dir's vergelten.“
Thomas von Kempen · Die Nachfolge Christi I/20

„Schließ die Tür hinter dir und rufe Jesus, deinen Geliebten, zu dir.“

42

Eine feste Zeit

Daniel kniete dreimal am Tag, „wie er es zuvor getan hatte“ – auch unter der Drohung der Löwen. Nicht weil er ein Fanatiker war, sondern weil er eine Gewohnheit hatte, die ihn trug. Inneres Gebet ohne feste Zeit löst sich innerhalb von drei Wochen auf. Franz von Sales empfiehlt den Morgen, solange der Geist noch nicht voll ist. Es kommt weniger darauf an, wie viel, als darauf, dass immer.

Dan 6,11 „Als nun Daniel erfuhr, dass die Schrift unterzeichnet war, ging er hinauf in sein Haus, wo er im Obergemach offene Fenster nach Jerusalem hatte. Dreimal am Tag fiel er auf seine Knie, betete und lobte seinen Gott, wie er es zuvor getan hatte.“
Franz von Sales · Anleitung zum frommen Leben II/1

„Widme der Betrachtung täglich eine Stunde, und zwar lieber am Morgen, solange der Geist nach der Nachtruhe frischer ist.“

43

Leg die Dauer vorher fest – und verhandle nicht

Teresa spricht von einer „entschlossenen Entschlossenheit“: Wer sich für eine halbe Stunde entscheidet, verhandelt nach zehn Minuten nicht mit ihr. Mitten im Gebet meldet sich nämlich immer eine vernünftige Stimme, dass es für heute reicht, dass du Arbeit hast, dass es ohnehin nirgendwohin führt. Diese Stimme sagt nie die Wahrheit. Bestimme die Dauer vor dem Gebet, nicht währenddessen.

Teresa von Ávila · Der Weg der Vollkommenheit 21/2

„Man braucht eine große und sehr entschlossene Entschlossenheit, nicht stehen zu bleiben, bis man zur Quelle gelangt, was auch kommen mag.“

44

Zwei Minuten für den Körper

Setz dich nicht direkt von der Arbeit, aus dem Auto, vom Essen zum Gebet. Gib dir zwei Minuten: Steh auf, atme tief aus, dehne die Schultern, lass den Körper zur Ruhe kommen. Wer mit einem Körper voller Spannung kommt, kämpft die erste Viertelstunde mit dem Körper statt mit der Zerstreuung. Der Körper ist im Gebet ein Verbündeter, wenn du ihm Zeit gibst.

Ps 46,11 „Seid stille und erkennet, dass ich Gott bin! Ich will mich erhöhen unter den Völkern, ich will mich erhöhen auf Erden.“
45

Stell dich in Gottes Gegenwart

Franz von Sales lehrt vier Arten zu beginnen: Mach dir bewusst, dass Gott überall ist – also auch hier; mach dir bewusst, dass er besonders in deinem Herzen ist; stell dir Christus vor, wie er dich vom Himmel aus anschaut; oder stell ihn dir neben dir vor wie einen Freund. Jakob sagte: „Fürwahr, der Herr ist an diesem Ort, und ich wusste es nicht.“ Inneres Gebet beginnt damit, dass du es weißt.

Gen 28,16 „Als nun Jakob von seinem Schlaf aufwachte, sprach er: Fürwahr, der Herr ist an dieser Stätte, und ich wusste es nicht!“
Teresa von Ávila · Der Weg der Vollkommenheit 26/1

„Vergegenwärtigt euch den Herrn an eurer Seite und macht euch nicht ohne einen so guten Freund auf den Weg.“

46

Leg die Sorgen aufs Papier

Die häufigste Zerstreuung ist nicht Sünde, sondern die Aufgabenliste. Bevor du anfängst, nimm ein Blatt Papier und schreib alles auf, was dir im Kopf liegt: den Einkauf, die E-Mail, die du beantworten musst, die Sorge um ein Kind. Damit verschwindet es nicht, aber es drängt nicht mehr herein, weil das Gehirn weiß, dass es aufgeschrieben ist. Petrus sagt „werft auf ihn“; das Papier ist eine Art, es mit den Händen zu tun.

1 Petr 5,7 „Alle eure Sorge werft auf ihn; denn er sorgt für euch.“
47

Ein Gebet vor dem Gebet

Die Jünger baten: „Herr, lehre uns beten.“ C. S. Lewis lädt dazu ein, vor jedem Gebet zuerst darum zu beten, dass es wirklich ich bin, der spricht – nicht meine Rolle, meine fromme Maske, meine Vorstellung von mir –, und dass es wirklich Gott ist, zu dem ich spreche, nicht meine Vorstellung von Gott. Ein Satz am Anfang, der zwei Masken abnimmt.

Lk 11,1 „Und es begab sich, dass er an einem Ort war und betete. Als er aufgehört hatte, sprach einer seiner Jünger zu ihm: Herr, lehre uns beten, wie auch Johannes seine Jünger lehrte.“
C. S. Lewis · Briefe an Malcolm 15

„Lass es wirklich ich sein, der spricht; lass es wirklich du sein, zu dem ich spreche.“

48

Komm mit leeren Händen

Der Zöllner im Tempel hat nichts anzubieten, und doch geht er gerechtfertigt nach Hause. Pierre-Marie vom Kreuz liest das „eine Tiefe ruft der andern“ des Psalms so: Die Tiefe unserer Armut ruft die Tiefe der Barmherzigkeit Gottes, und wenn wir unsere Armut einmal zugäben und annähmen, würde die Gnade sie sofort füllen. Versuch nicht, „vorbereitet“ zu kommen in dem Sinn, dass du in Ordnung wärst. Komm mit dem, was ist – einschließlich Unlust, Müdigkeit und Unglauben. Genau das ist das Material.

Lk 18,13 „Der Zöllner aber stand ferne, wollte auch die Augen nicht aufheben zum Himmel, sondern schlug an seine Brust und sprach: Gott, sei mir Sünder gnädig!“
49

Bereite den Text am Abend vor

Ignatius von Loyola rät, am Abend vorher festzulegen, worüber man morgens betrachten wird, und es sich beim Aufwachen vor allem anderen ins Gedächtnis zu rufen. Morgens verliert man dann nicht die erste Viertelstunde mit Blättern und Entscheiden. Ein Zettel in der Bibel genügt. Wer morgens entscheidet, was er lesen wird, entscheidet sich oft am Ende für nichts.

Ps 119,18 „Öffne mir die Augen, dass ich sehe die Wunder an deinem Gesetz.“
50

Der Körper: knien, sitzen, die Handflächen öffnen

Die Körperhaltung ist keine Kleinigkeit. Das Knien sagt dem Körper „jetzt ist etwas anderes“; aufrechtes Sitzen hält die Aufmerksamkeit; offene Handflächen im Schoß drücken körperlich das Empfangen aus. Probier verschiedene Haltungen für verschiedene Teile des Gebets: am Anfang knien, in der Mitte sitzen, zum Schluss stehen. Die Psalmen sprechen ständig vom Körper: Sie knien, heben die Hände, neigen den Kopf.

Ps 95,6 „Kommt, lasst uns anbeten und knien und niederfallen vor dem Herrn, der uns gemacht hat.“
51

Schalte den Leistungsmodus aus

Du kommst aus einer Umgebung, in der alles nach dem Ergebnis beurteilt wird. Wenn du das ins Gebet mitbringst, wirst du messen, ob es „gelaufen“ ist, und entweder stolz oder niedergeschlagen weggehen. Sag dir vor dem Anfang: Ich muss nichts beweisen. Der Psalmist sagt nicht „in Gott hat meine Seele erreicht“, sondern „in Gott wird meine Seele still“.

Ps 62,2 „Meine Seele ist stille zu Gott, der mir hilft.“
52

Rechne mit Zerstreuung und halte ein Wort bereit

Es wird keine ruhige halbe Stunde. Wer mit der Zerstreuung rechnet, erschrickt nicht vor ihr. Halte vorher ein Wort oder einen kurzen Satz bereit, zu dem du zurückkehrst, wann immer du dich anderswo ertappst: „Jesus“, „hier bin ich“, „Abba“. Franz von Sales sagt, selbst wenn du die ganze Stunde nichts anderes tätest, als dein Herz zurückzuholen, wäre es eine sehr gut verbrachte Stunde.

Franz von Sales · Anleitung zum frommen Leben

„Selbst wenn du die ganze Stunde nichts anderes tätest, als dein Herz zurückzuholen, wäre sie gut genutzt.“

53

Lass dich einladen

Hosea spricht von einem Gott, der „lockt“ und „in die Wüste führt“, um „zum Herzen zu reden“. Du gehst nicht ins Gebet, weil du musst, sondern weil du eingeladen bist. Pascal hört Jesus sagen: Du würdest dich nicht mit dem Suchen abmühen, wenn du mich nicht schon gefunden hättest. Schon die Sehnsucht, beten zu gehen, ist ein Zeichen, dass auf der anderen Seite schon jemand wartet.

Hos 2,16 „Darum siehe, ich will sie locken und in die Wüste führen und freundlich mit ihr reden.“
Blaise Pascal · Gedanken (Das Geheimnis Jesu)

„Tröste dich: Du würdest mich nicht suchen, wenn du mich nicht schon gefunden hättest.“

05 · DIE HALBE STUNDE31 Tipps

Während des Gebets: wie man Aufmerksamkeit und Gespräch mit Gott hält

Hier entscheidet sich, ob aus der Stille eine Begegnung wird oder nur eine halbe Stunde Sitzen. Das Kapitel hat vier Teile: wie man eintritt, welche Wege zu Gott führen, was man mit der Zerstreuung macht und wie man den Körper einbezieht.

Eintritt und Grundhaltung

54

Beginn mit einem Blick, nicht mit Worten

Teresa verlangt nicht, dass wir über Jesus nachdenken; sie verlangt, dass wir ihn anschauen. Der Unterschied ist grundlegend: Denken ist Arbeit des Kopfes, Schauen ist Arbeit des Herzens. Widme die ersten Minuten des Gebets einfach dem „Hinschauen“ – auf Christus im Evangelium, auf das Kreuz an der Wand, in die Dunkelheit hinter den geschlossenen Lidern – im Bewusstsein, dass Er dich anschaut.

Ps 34,6 „Die auf ihn sehen, werden strahlen vor Freude, und ihr Angesicht soll nicht schamrot werden.“
Teresa von Ávila · Der Weg der Vollkommenheit 26/3

„Ich verlange nicht von euch, dass ihr über ihn nachdenkt; ich verlange nur, dass ihr ihn anschaut.“

55

Lass Gott zuerst sprechen

Samuel sagte: „Rede, dein Diener hört.“ Wir sagen meistens: „Hör zu, dein Diener redet.“ Öffne die Schrift, bevor du den Mund öffnest, und lass Gott das erste Wort. Bonhoeffer sagt, beten heiße nicht einfach das Herz ausschütten; das Herz kann voll oder leer sein, und das Gebet ist in beiden Fällen der Weg zu Gott, den uns sein Wort zeigt.

1 Sam 3,10 „Da kam der Herr und trat herzu und rief wie vorher: Samuel, Samuel! Und Samuel sprach: Rede, denn dein Knecht hört.“
Dietrich Bonhoeffer · Das Gebetbuch der Bibel

„Beten heißt nicht einfach, das Herz ausschütten, sondern – ob es voll oder leer ist – den Weg zu Gott finden und mit ihm reden.“

56

Wenige Worte

Der Prediger rät: „lass deiner Worte wenige sein“. Inneres Gebet besteht vor allem darin, dass die Worte weniger werden. Als man den Wüstenvater Makarios fragte, wie man beten solle, antwortete er, man müsse nicht viel reden; es genüge, die Hände auszubreiten und zu sagen „Herr, wie du willst und wie du weißt, erbarme dich“, und wenn der Kampf drückt, „Herr, hilf“. Wer lernt, wenig zu sagen, beginnt zu hören.

Koh 5,1 „Sei nicht schnell mit deinem Munde und lass dein Herz nicht eilen, etwas zu reden vor Gott; denn Gott ist im Himmel und du auf Erden; darum lass deiner Worte wenige sein.“
Abba Makarios · Aussprüche der Wüstenväter

„Man muss nicht viel reden; es genügt: Herr, wie du willst und wie du weißt, erbarme dich. Und im Kampf: Herr, hilf.“

57

Sprich in der zweiten Person

Es ist ein Unterschied, ob man denkt „Gott ist gut“ oder sagt „Du bist gut“. Das Erste ist Theologie, das Zweite ist Gebet. Wann immer du merkst, dass du im Gebet in der dritten Person über Gott nachdenkst, schalte auf „Du“ um. Die Psalmen tun das ständig: „Gott, du bist mein Gott.“ Es ist die einfachste Art, das Gebet aus dem Kopf in die Beziehung zurückzuholen.

Ps 63,2 „Gott, du bist mein Gott, den ich suche. Es dürstet meine Seele nach dir, mein Leib verlangt nach dir aus trockenem, dürrem Land, wo kein Wasser ist.“
58

Wahrhaftig auch über die Unlust

Die meisten Psalmen beginnen mit einer Klage, nicht mit Lob. Wer sich zum Gebet zwingt, soll es Gott sagen: „Ich habe keine Lust, ich langweile mich, ich weiß nicht, ob du da bist.“ Das ist keine Lästerung, sondern der erste wahrhaftige Satz des Gebets. Gott lässt sich durch fromme Formulierungen nicht täuschen und will sie nicht. Inneres Gebet wird aus Wahrheit geboren, nicht aus richtigen Worten.

Ps 13,2 „Herr, wie lange willst du mich so ganz vergessen? Wie lange verbirgst du dein Antlitz vor mir?“

Wege, bei Gott zu bleiben

59

Lectio divina: vier Schritte

Die älteste christliche Art, aus Lesen Gebet zu machen, hat vier Stufen: langsam lesen, bis dich etwas anhält (lectio); diesen Satz wiederholen und fragen, was er für dich bedeutet (meditatio); Gott antworten – mit Dank, Bitte, Frage (oratio); und dann einfach in der Stille bleiben mit dem, was dir gegeben wurde (contemplatio). Zehn Minuten so genügen. Und lies nicht weiter, wenn dich etwas angehalten hat – genau dort geschieht etwas.

Ps 1,2 „Sondern hat Lust am Gesetz des Herrn und sinnt über seinem Gesetz Tag und Nacht.“
Thomas Manton · Predigten über Psalm 119

„Das Wort nährt die Betrachtung, und die Betrachtung nährt das Gebet.“

60

Ein Satz für die ganze Woche

Bonhoeffer ließ seine Studenten eine ganze Woche über einem kurzen Abschnitt betrachten und verbot ihnen, darin neue Gedanken oder Predigtstoff für andere zu suchen. Ziel war nicht, den Text zu verstehen, sondern sich von ihm ansprechen zu lassen: Was sagt Gott heute mir? Wähle kurz, bleib lang. Maria „bewahrte und bewegte“; sie brauchte nicht ständig Neues.

Lk 2,19 „Maria aber behielt alle diese Worte und bewegte sie in ihrem Herzen.“
Dietrich Bonhoeffer · Gemeinsames Leben

„In der Betrachtung suchen wir keine neuen Gedanken; wir suchen das Wort, das Gott heute mir sagt.“

61

Wiederkäuen

Lateinisch ruminatio: das Wort wiederkäuen wie die Kuh das Gras, bis es seinen Geschmack hergibt. Nimm einen einzigen Satz („Der Herr ist mein Hirte“) und wiederhole ihn langsam, jedes Mal mit Betonung auf einem anderen Wort: DER HERR ist mein Hirte. Der Herr IST mein Hirte. Der Herr ist MEIN Hirte. Jedes Wort öffnet eine andere Tür. Wer so in einem Monat einen Psalm wiederkäut, hat mehr davon als einer, der zehn liest.

Ps 119,97 „Wie habe ich dein Gesetz so lieb! Täglich sinne ich ihm nach.“
62

Das Gebet eines Verses

Cassian empfahl einen einzigen Satz: „Gott, komm mir zu Hilfe; Herr, eile, mir zu helfen!“ – als Formel, die in jede Lage passt: in der Versuchung, in der Langeweile, in der Freude, in der Schläfrigkeit. Du wiederholst ihn, bis er zum Atem wird. Es ist kein Mantra: Es ist ein Hilferuf, der dich in der Haltung des Armen lässt, und genau deshalb wirkt er.

Ps 70,2 „Eile, Gott, mich zu erretten, Herr, mir zu helfen!“
Johannes Cassian · Unterredungen 10/10

„Dieser Vers soll sich dir ständig im Herzen bewegen; mit ihm schlaf ein und steh auf.“

63

Das Jesusgebet

Seit tausend Jahren wiederholt die Ostkirche: „Herr Jesus Christus, Sohn Gottes, erbarme dich meiner, des Sünders.“ Es ist das Gebet des Blinden bei Jericho, verbunden mit dem Gebet des Zöllners: das kürzeste Glaubensbekenntnis und die kürzeste Bitte zusammen. Nichts Magisches; nur Worte, die sich immerzu sagen lassen. Der namenlose russische Pilger sagte es tausendmal am Tag, bis es in seinem Herzen „von selbst betete“. Versuch, es beim Gehen zu sagen, im Rhythmus der Schritte.

Lk 18,38 „Und er rief: Jesus, du Sohn Davids, erbarme dich meiner!“
Aufrichtige Erzählungen eines russischen Pilgers

„Das Gebet ging von den Lippen ins Herz über und betete von selbst, auch wenn ich schlief.“

64

Tritt in die Geschichte ein

Ignatius von Loyola lehrt, das Evangelium mit allen Sinnen zu betrachten: Stell dir den Ort vor, die Menschen, die Geräusche, die Gerüche, und dann stell dich in die Szene. Du bist einer der Jünger, die fragen „wo wohnst du?“, und hörst „kommt und seht“. Das ist keine Fantasie um der Fantasie willen; es geht darum, dass das Evangelium aufhört, wie ein Bericht gelesen zu werden, und beginnt, als Begegnung erlebt zu werden. Ignatius fügt hinzu, dass nicht die Menge des Wissens die Seele sättigt, sondern das innere Verkosten.

Joh 1,38-39 „Jesus aber wandte sich um und sah sie nachfolgen und sprach zu ihnen: Was sucht ihr? Sie aber sprachen zu ihm: Rabbi – das heißt übersetzt: Meister –, wo wirst du bleiben? Er sprach zu ihnen: Kommt und seht! Sie kamen und sahen's und blieben diesen Tag bei ihm.“
Ignatius von Loyola · Geistliche Übungen 2

„Nicht das viele Wissen sättigt und befriedigt die Seele, sondern das innere Verspüren und Verkosten der Dinge.“

65

Das Gebet des einfachen Blicks

Der Pfarrer von Ars fragte einen Bauern, der täglich lange in der Kirche saß, was er dort tue. Die Antwort: „Ich schaue Ihn an, und Er schaut mich an.“ Das ist das ganze innere Gebet in einem Satz. Wenn Worte und Gedanken ausgehen, bleibt der Blick. Gott anzuschauen ist kein Nichtstun; es ist die reinste Form der Liebe, deren ein Mensch fähig ist.

Ps 123,2 „Siehe, wie die Augen der Knechte auf die Hände ihrer Herren sehen, wie die Augen der Magd auf die Hände ihrer Herrin, so sehen unsre Augen auf den Herrn, unsern Gott, bis er uns gnädig werde.“
Der Bauer von Ars

„Ich schaue Ihn an, und Er schaut mich an.“

66

Die Psalmen als Gebet Christi

Jesus sagt, die Psalmen beziehen sich auf ihn. Wenn du einen Psalm betest, der auf deine Lage „nicht passt“ – Verfluchung der Feinde, Todesangst, ein Jubel, den du nicht empfindest –, betest du ihn nicht für dich, sondern mit Christus und für die, auf die er passt. So hören die Psalmen auf, archaische Poesie zu sein, und werden zur Schule des Gebets, die Jesus selbst durchlaufen hat.

Lk 24,44 „Er sprach aber zu ihnen: Das sind meine Worte, die ich zu euch gesagt habe, als ich noch bei euch war: Es muss alles erfüllt werden, was von mir geschrieben steht im Gesetz des Mose und in den Propheten und Psalmen.“
67

Luthers Kranz aus vier Strängen

Luther riet seinem Barbier: Nimm ein Stück Text (etwa ein Gebot) und flechte daraus einen Kranz aus vier Strängen: was mich der Text lehrt (Lehre), wofür ich darin danken kann (Dank), was ich darin sehe, das ich nicht getan habe (Bekenntnis), und worum ich bitte (Bitte). Es funktioniert bei einem Vers, einem Psalm und dem Vaterunser. Der Hauptvorteil: Du bleibst nie nur bei den Bitten.

Martin Luther · Eine einfältige Weise zu beten

„Aus jedem Gebot mache ich einen Kranz aus vier Strängen: Lehre, Danksagung, Beichte und Bitte.“

68

Wenn der Geist zu predigen beginnt, schweig

Luther fährt fort: Es geschieht, dass mitten in einer Bitte gute Gedanken kommen, und dann muss man die übrigen Bitten lassen und „der Predigt des Heiligen Geistes zuhören“, denn ein Wort von ihm ist besser als tausend von uns. Halte nicht an deinem Plan fest, wenn Gott das Thema wechselt. Der Plan ist eine Krücke; die Predigt ist ein Besuch.

Jes 50,4 „Gott der Herr hat mir eine Zunge gegeben, wie sie Jünger haben, dass ich wisse, mit den Müden zu rechter Zeit zu reden. Er weckt mich alle Morgen; er weckt mir das Ohr, dass ich höre, wie Jünger hören.“
Martin Luther · Eine einfältige Weise zu beten

„Ein Wort von ihm ist besser als tausend unserer Gebete.“

69

Zwei Fragen

Wenn du nicht weißt, wie du über einem Text beten sollst, genügen zwei Fragen. An Gott: „Was sagst du mir damit?“ – und warte. An dich: „Was antwortest du ihm darauf?“ – und antworte. Inneres Gebet ist ein Gespräch, kein Monolog, und ein Gespräch hat zwei Seiten. Die meisten von uns haben die erste Frage nie gestellt, weil wir nicht mit einer Antwort gerechnet haben.

Joh 10,27 „Meine Schafe hören meine Stimme, und ich kenne sie und sie folgen mir.“
70

Schreib wenig, aber schreib

Ein Gebetstagebuch ist weder Beichte noch Literatur. Ein Satz am Tag genügt: was mich angehalten hat, was ich gehört habe, was ich geantwortet habe. Nach einem Jahr hast du ein Zeugnis eines Weges, der sonst verschwunden wäre. Und Schreiben verlangsamt: Die Hand kommt dem Gedanken nicht nach, und so setzt sich der Gedanke. Habakuk bekam den Befehl „schreib das Gesicht auf“.

Hab 2,2 „Der Herr aber antwortete mir und sprach: Schreib auf, was du geschaut hast, deutlich auf eine Tafel, dass es lesen könne, wer vorüberläuft!“
71

Fürbitte ohne Worte

Fürbitte muss keine Liste sein. Nimm den Menschen, für den du betest, und „stell ihn“ vor Christus, wie die Freunde den Gelähmten durchs Dach herabließen. Halte ihn dort eine Minute in der Stille, ohne Gott zu sagen, was er tun soll. Paulus betet, dass Christus in den Herzen wohne, nicht dass dies und jenes erledigt werde. Fürbitte ohne Worte ist keine Faulheit; sie ist Vertrauen, dass Gott weiß.

Eph 3,16-17 „Dass er euch Kraft gebe nach dem Reichtum seiner Herrlichkeit, gestärkt zu werden durch seinen Geist an dem inwendigen Menschen, dass Christus durch den Glauben in euren Herzen wohne. Und ihr seid in der Liebe eingewurzelt und gegründet…“

Zerstreuung und Gedanken

72

Zerstreuung ist Wetter, nicht Sünde

Teresa war jahrelang überzeugt, die Zerstreuung sei ihre Schuld, bis sie begriff, dass der Geist einfach umherschweift, wie der Himmel sich bewegt, und dass man das nicht anhalten kann. Zerstreuung ist das Wetter des Gebets: Manchmal regnet es, manchmal scheint die Sonne, und du betest in beiden Fällen weiter. Wer sich die Zerstreuung vorwirft, fügt ihr noch Niedergeschlagenheit hinzu, und die ist schlimmer als die Zerstreuung.

Teresa von Ávila · Die Innere Burg 4/1/9

„Wir können die Bewegung des Himmels nicht anhalten, und ebenso wenig können wir unsere Gedanken anhalten.“

73

Der Wille kann bei Gott sein, auch wenn der Kopf weg ist

Teresa unterscheidet die Einbildungskraft, die umherirrt, vom Willen, der ruhig bei Gott bleiben kann, während es im Kopf mahlt wie in einer Mühle. Pierre-Marie vom Kreuz baut auf diese Unterscheidung einen Trost für jeden, der meint, er habe „überhaupt nicht gebetet“: Solange du bei Gott sein wolltest, warst du bei ihm, auch wenn du eine halbe Stunde nicht daran denken konntest. Es betet der Wille, nicht die Fantasie.

Teresa von Ávila · Die Innere Burg 4/1/13

„Lassen wir die Mühle klappern und mahlen wir unser Mehl weiter; Wille und Verstand sollen nicht aufhören zu arbeiten.“

74

Kämpf nicht frontal

Wer einen Gedanken direkt bekämpft („ich darf nicht daran denken“), stärkt ihn. Johannes vom Kreuz rät zu einer einfachen „liebenden Aufmerksamkeit“ auf Gott: Du behandelst den Gedanken nicht, du wendest dich nur von ihm ab zu Ihm, wie du dich im Gespräch mit einem Freund zurückwendest, wenn dich etwas gestört hat. Pierre-Marie vom Kreuz rät dasselbe praktisch: Versuch nicht, den Geist zu leeren, beschäftige ihn indirekt mit etwas Gutem – Lesen, einem Blick, einem Wort.

Johannes vom Kreuz · Die lebendige Liebesflamme 3

„Sie bleibe in liebender Aufmerksamkeit auf Gott, ohne den Versuch, etwas zu fühlen oder zu verstehen.“

75

Ein Wort der Rückkehr

Sobald du merkst, dass du anderswo bist, analysiere nicht, wo du warst und warum. Sag ein Wort („Jesus“, „Abba“, „hier“) und komm zurück. Schon das Bemerken ist Gnade – in dem Moment bist du wieder bei Gott. Hundert Rückkehren in einer halben Stunde bedeuten kein schlechtes Gebet; sie bedeuten hundert kleine Umkehrungen. Der Psalmist bittet genau darum: „sammle mein Herz“.

Ps 86,11 „Weise mir, Herr, deinen Weg, dass ich wandle in deiner Wahrheit; erhalte mein Herz bei dem einen, dass ich deinen Namen fürchte.“
76

Die Antwort auf Zerstreuung ist mehr Liebe, nicht mehr Konzentration

Jacques Philippe sagt, die Lösung für die Zerstreuung sei nicht eine größere Konzentration des Geistes, sondern eine intensivere Liebe im Herzen. Wenn der Kopf sich nicht halten lässt, richte dich nicht auf den Kopf; belebe die Sehnsucht. Sag Gott, dass du ihn liebst und dass du hier sein willst – auch mitten im Chaos. Liebe hält die Aufmerksamkeit besser als der Wille.

77

Ein wiederkehrender Gedanke ist Material

Teresa rät denen, die nicht betrachten können, sich mit einem Buch, einem Bild, dem Blick auf die Landschaft, auf Wasser, Blumen zu helfen – mit allem, was den Geist zum Schöpfer wendet. Ebenso ist ein Gedanke, der immer wiederkommt – eine Sorge, eine Beziehung, ein Plan –, nicht unbedingt ein Feind. Nimm ihn und bring ihn zu Gott: „Das lässt mir keine Ruhe; hier hast du es.“ Die Zerstreuung wird zur Fürbitte.

Teresa von Ávila · Das Buch meines Lebens 9/5

„Es half mir, auf Felder, Wasser, Blumen zu schauen; in diesen Dingen fand ich eine Spur des Schöpfers, sie waren mir ein Buch.“

78

Schläfrigkeit: Haltung wechseln oder gehen

Schläfrigkeit im Gebet ist keine Faulheit; es ist der Körper, der sagt, dass der Schlaf zu kurz war oder dass du zu bequem sitzt. Streite nicht mit ihr: Steh auf, geh umher, bete im Gehen wie Isaak auf dem Feld. Gebet beim Spaziergang ist genauso gültig wie im Sessel, und für manche Menschen natürlicher.

Gen 24,63 „Isaak war ausgegangen, um auf dem Felde zu sinnen, als der Abend nahte.“
79

Langeweile und Warten

Langeweile wird kommen. Sie ist kein Zeichen, dass du etwas falsch machst; sie ist ein Zeichen, dass du die Grenze überschritten hast, wo dich Erlebnisse halten, und dort eingetreten bist, wo nur die Treue hält. Der Psalmist wartet „mehr als die Wächter auf den Morgen“ – und der Morgen kommt, aber nicht, weil der Wächter etwas getan hätte. Langeweile ist ein Wartezimmer, keine Sackgasse.

Ps 130,5-6 „Ich harre des Herrn, meine Seele harret, und ich hoffe auf sein Wort. Meine Seele wartet auf den Herrn mehr als die Wächter auf den Morgen; mehr als die Wächter auf den Morgen.“
80

Bewerte nicht mittendrin

Mitten im Gebet weißt du nie, ob es „läuft“. Wer sich darin ständig kontrolliert („fühle ich etwas? funktioniert es?“), hat einen Spiegel daraus gemacht. Lass die Bewertung für nachher – und am besten auch dann nicht. Der Psalmist jagt nicht nach großen Dingen; er sitzt bei seiner Mutter wie ein entwöhntes Kind.

Ps 131,1 „Herr, mein Herz ist nicht hoffärtig, und meine Augen sind nicht stolz. Ich gehe nicht um mit großen Dingen, die mir zu wunderbar sind.“
81

Wann die Form wechseln

Pierre-Marie vom Kreuz fasst die Grundsätze des Gebets in drei Worten zusammen: Treue, Beweglichkeit, Freiheit. Treue in Zeit und Ort; Beweglichkeit in der Form: Wenn die Stille nicht geht, lies; wenn das Lesen nicht geht, geh umher; wenn nichts geht, bleib sitzen. Freiheit darin, keiner Methode Sklave zu sein. Ignatius rät zudem zur „Wiederholung“: Kehr an den Ort zurück, wo du gestern etwas verkostet hast; du musst nicht immer weiter. Die Regel: Wechsle die Form, nie die Verpflichtung.

Körper und Atem

82

Der Atem als Stütze

Der Atem ist die einzige Körperfunktion, die zugleich unwillkürlich und steuerbar ist – deshalb benutzt die Kirche ihn seit jeher als Stütze des Gebets. Beim Einatmen „Herr Jesus Christus“, beim Ausatmen „erbarme dich meiner“. Oder nur ein verlängertes Ausatmen, mit dem du Gott deine Anspannung übergibst. Es geht nicht um Atemtechnik, sondern darum, dass der Körper mit dir betet.

Ps 150,6 „Alles, was Odem hat, lobe den Herrn! Halleluja!“
83

Augen offen oder geschlossen

Geschlossene Augen helfen, die Welt auszublenden, erleichtern aber das Abschweifen und die Schläfrigkeit. Offene Augen brauchen einen festen Punkt: ein Kreuz, eine Kerze, eine Ikone, einen Baum vor dem Fenster. Probier beides und finde heraus, was dir hilft. Der Hebräerbrief rät, „auf Jesus zu schauen“ – und ein fester Blick braucht etwas, worauf er sich richtet.

Hebr 12,2 „Und aufsehen zu Jesus, dem Anfänger und Vollender des Glaubens.“
84

Die Hände

Die Hände sprechen im Gebet: Offene Handflächen nach oben empfangen; Handflächen nach unten übergeben; gefaltete Hände halten den zerstreuten Menschen zusammen; Hände auf der Brust schließen; erhobene Hände loben. Ein Wechsel der Geste mitten im Gebet kann Gebet ohne Worte sein. Der Psalmist „breitet die Hände aus“, weil seine Seele dürstet; der Körper sagt, wozu die Worte nicht reichen.

Ps 143,6 „Ich breite meine Hände aus zu dir, meine Seele dürstet nach dir wie ein dürres Land.“
06 · DIE HALBE STUNDE9 Tipps

Wie viel Zeit und wie oft

Die häufigste Frage des Anfängers – und die unwichtigste. Trotzdem braucht sie eine klare Antwort, sonst kämpft man sie jeden Tag neu aus und verliert meistens.

85

Treue ist mehr als Länge

Zehn Minuten jeden Tag sind mehr als eine Stunde einmal die Woche. Wer im Kleinsten treu ist, bekommt mehr. Inneres Gebet ist keine Leistung in einem Zug, sondern eine Gewohnheit, die wie ein Muskel aufgebaut wird: kleine Last, tägliche Wiederholung. Lerne zuerst zu kommen; erst dann lerne, länger zu bleiben.

Lk 16,10 „Wer im Geringsten treu ist, der ist auch im Großen treu; und wer im Geringsten ungerecht ist, der ist auch im Großen ungerecht.“
86

Fang mit zwanzig Minuten an, das Ziel ist eine Stunde

Unter zehn Minuten kommt der Geist nicht einmal zur Ruhe; über eine Stunde hält ein Anfänger nicht durch. Ein vernünftiger Start sind fünfzehn bis zwanzig Minuten, nach einem Monat dreißig. Teresa, Franz von Sales und Luther sprechen von einer Stunde – aber als Ziel, nicht als Eintrittskarte. Den Tag der kleinen Anfänge soll man nicht verachten.

Sach 4,10 „Denn wer ist's, der den Tag der geringen Anfänge verachtet? Sie werden sich freuen, wenn sie das Senkblei sehen in der Hand Serubbabels.“
87

Feste Dauer, Küchenwecker

Stell die Zeit am Küchenwecker ein (oder am Telefon, das in einem anderen Zimmer liegt) und schau dann nicht mehr auf die Uhr. Die Zeitkontrolle ist die häufigste Zerstreuung des Anfängers. Wenn der Wecker klingelt, hör auf, auch wenn es gerade gut zu werden begann – gerade diese Unvollendetheit bringt dich morgen zurück.

Koh 3,1 „Ein jegliches hat seine Zeit, und alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde.“
88

Die ersten zehn Minuten sind der Anlauf

Beurteile das Gebet nicht nach dem Anfang. Die meisten erleben die ersten zehn Minuten als Chaos: Aufgaben, Erinnerungen, Lärm. Das ist kein misslungenes Gebet; das ist der Vorraum. Pierre-Marie vom Kreuz erinnert daran, dass Gebet nie ohne Mühe auskommt – und die Mühe kommt vor allem am Anfang. Deshalb ist ein fünfzehnminütiges Gebet oft nur ein Anlauf ohne Fahrt.

Ps 37,7 „Sei stille dem Herrn und warte auf ihn. Entrüste dich nicht über den, dem es gut geht, der seinen Mutwillen treibt.“
Pierre-Marie vom Kreuz · Das Gebet des Armen (Wenn wir uns nicht sammeln können)

„Gebet kommt nie ohne Mühe aus.“

89

Täglich kurz, wöchentlich lang

Wer die tägliche halbe Stunde nicht schafft, soll eine tägliche Viertelstunde haben und einmal pro Woche eine Stunde – etwa am Samstagmorgen oder Sonntagnachmittag. Die lange ermöglicht, was die kurze nicht erlaubt: über den Anlauf hinauszukommen. Ein bekannter, Franz von Sales zugeschriebener Ausspruch sagt es mit einer Übertreibung, die keine ist: Je mehr Arbeit, desto mehr Gebet.

Franz von Sales zugeschrieben

„Bete eine halbe Stunde am Tag. Wenn du zu viel Arbeit hast, bete eine Stunde.“

90

Stoßgebete über den Tag

Nehemia betete zwischen der Frage des Königs und seiner Antwort – innerhalb einer einzigen Sekunde. Augustinus beschreibt, wie die ägyptischen Mönche kurze, „abgeschossene“ Gebete zu Gott sandten, damit die Aufmerksamkeit nicht erlahmt. Inneres Gebet über den Tag braucht keine Zeit, nur eine Erinnerung: das Klingeln des Telefons, das Warten auf den Aufzug, die rote Ampel. Genau so fließt die morgendliche halbe Stunde in den Tag.

Neh 2,4 „Da sprach der König zu mir: Was begehrst du denn? Da betete ich zu dem Gott des Himmels.“
Augustinus · Brief an Proba (130)

„Die Brüder in Ägypten senden sehr kurze und gleichsam abgeschossene Gebete, damit die Aufmerksamkeit nicht erlahmt.“

91

Schwache Zeiten: kürzen, nicht streichen

Wochen der Krankheit, der kleinen Kinder, des Umzugs, der Erschöpfung werden kommen. Halte darin nicht die halbe Stunde – halte fünf Minuten. Das Gebet „eine Weile“ zu streichen bedeutet in der Regel monatelang. Der Hirte trägt die trächtigen Schafe „behutsam“; sei mit dir ebenso behutsam, aber verlass die Herde nicht.

Jes 40,11 „Er wird seine Herde weiden wie ein Hirte. Er wird die Lämmer in seinen Arm sammeln und im Bausch seines Gewandes tragen und die Mutterschafe führen.“
92

Teste deine Tageszeit

Der Morgen ist der Klassiker, aber kein Gesetz. Mancher ist morgens unbrauchbar und abends wach. Versuch drei Wochen morgens, drei Wochen in der Mittagspause, drei Wochen abends – und entscheide danach, wann du wirklich gegenwärtig bist, nicht danach, was sich gehört. Der Psalmist betet „abends, morgens und mittags“.

Ps 55,18 „Am Abend, am Morgen und am Mittag will ich klagen und heulen; so wird er meine Stimme hören.“
93

Einmal im Jahr ein Tag der Stille

Mose wurde auf den Berg eingeladen, um „dort zu bleiben“. Ein Tag im Jahr (später ein Wochenende) in der Stille – im Klostergästehaus, in einer Hütte ohne Empfang, in einer leeren Kirche – tut für das Gebet, was eine Urlaubswoche für die Ehe tut. Etliche Klöster in Tschechien bieten günstige Unterkunft für die, die Stille suchen; man muss nicht katholisch sein, nur still.

Ex 24,12 „Und der Herr sprach zu Mose: Komm herauf zu mir auf den Berg und bleib dort, dass ich dir gebe die steinernen Tafeln, Gesetz und Gebot, die ich geschrieben habe, um sie zu unterweisen.“
07 · DIE HALBE STUNDE15 Tipps

Was du in dir erlebst – oder nicht erlebst

Hier wird am meisten falsch gemacht: Man liest seine Gefühle als Gottes Urteil. Dieses Kapitel ist ein Leseschlüssel zum eigenen Inneren.

94

Trost und Trostlosigkeit

Ignatius von Loyola beschrieb zwei Grundzustände: Trost (Nähe, Freude, Lust am Guten) und Trostlosigkeit (Leere, Unlust, Zweifel). Beides kommt und geht. Eine Regel, die Jahre rettet: In der Trostlosigkeit ändere nie Entscheidungen, die im Trost getroffen wurden. Kürze nicht, streiche nicht, geh nicht weg – halte durch, bis sich das Wetter ändert. Und im Trost bereite dich darauf vor, dass es sich ändert.

Ps 30,6 „Denn sein Zorn währet einen Augenblick und lebenslang seine Gnade. Den Abend lang währet das Weinen, aber des Morgens die Freude.“
95

Trockenheit ist kein Fehler

Teresa verbrachte achtzehn Jahre im Gebet, in denen sie oft mehr auf die Uhr als auf Gott schaute, und trotzdem sagt sie, dass die einzige Stunde der Gnade, die ihr der Herr später schenkte, alles bezahlt hat. Trockenheit ist eine normale Phase, die alle Heiligen durchlaufen haben. Wer darin durchhält, ist nicht erfolglos; er ist treu. Jesaja spricht von dem, der „im Dunkeln wandelt“ und sich auf Gott stützen soll – nicht auf das Licht.

Jes 50,10 „Wer ist unter euch, der den Herrn fürchtet, der der Stimme seines Knechtes gehorcht? Wer im Dunkeln wandelt und wem kein Licht scheint, der hoffe auf den Namen des Herrn und verlasse sich auf seinen Gott.“
Teresa von Ávila · Das Buch meines Lebens 11/11

„Durch eine einzige Stunde des Trostes, die mir der Herr gab, scheint mir alle Not bezahlt, die ich so viele Jahre im Gebet ertragen habe.“

96

Trockenheit oder Lauheit?

Johannes vom Kreuz nennt drei Zeichen, an denen du erkennst, dass die Trockenheit nicht deine Schuld, sondern Gottes Werk ist: Du findest weder an Gott noch an irgendetwas Geschaffenem Gefallen; es quält dich, dass du Gott nicht dienst (dem Lauen ist es egal); und du kannst nicht mehr auf die alte Weise betrachten, auch wenn du dich bemühst. Wenn alle drei gelten, ändere nichts. Wenn das mittlere fehlt, frag dich: Wo habe ich mich eingerichtet?

Johannes vom Kreuz · Die dunkle Nacht I/9

„Das erste Zeichen: Die Seele findet keinen Trost in den Dingen Gottes, aber auch in keinem geschaffenen Ding.“

97

Gefühle sind kein Maßstab

Teresa sagt, es gehe nicht darum, viel zu denken, sondern viel zu lieben. Und lieben heißt nicht fühlen; es heißt, das Gute des anderen hier und jetzt zu wollen. Wer nichts fühlt, aber bleibt, liebt mehr als der, der viel fühlt und geht, wenn die Gefühle aufhören. Der Maßstab des Gebets ist der Wille, nicht das Thermometer.

Teresa von Ávila · Die Innere Burg 4/1/7

„Es kommt nicht darauf an, viel zu denken, sondern viel zu lieben.“

98

Frieden ist mehr als Begeisterung

Begeisterung steigt und fällt; Frieden bleibt. Paulus sagt nicht „es regiere die Begeisterung“, sondern „der Friede Christi“. Wenn du aus dem Gebet ruhiger, geduldiger, weniger verängstigt hervorgehst – das ist Frucht, auch wenn du dich dabei gelangweilt hast. Begeisterung ist Zucker, Frieden ist Brot.

Kol 3,15 „Und der Friede Christi, zu dem ihr berufen seid in einem Leibe, regiere in euren Herzen; und seid dankbar.“
99

„Ich habe nichts erlebt“

Der Same wächst, „ob er schläft oder aufsteht“, und der Bauer „weiß nicht wie“. Der größte Teil des Wachstums geschieht außerhalb deines Bewusstseins. Pierre-Marie vom Kreuz widmet ganze Seiten der Beharrlichkeit im Gebet, das nichts bringt, und nennt sie die enge Pforte. Im Rückblick erkennst du, was in diesen „leeren“ Stunden geschehen ist; während sie andauern, erkennst du es nie.

Mk 4,26-27 „Mit dem Reich Gottes ist es so, wie wenn ein Mensch Samen aufs Land wirft und schläft und steht auf, Nacht und Tag; und der Same geht auf und wächst – er weiß nicht wie.“
100

Alte Wunden kommen hoch

Wenn es endlich still ist, meldet sich, was du jahrelang übertönt hast: Wut, eine alte Kränkung, Scham, Trauer. Das ist kein Zeichen, dass das Gebet nicht funktioniert, sondern dass es funktioniert: Licht ist in den Keller gefahren. Versuch nicht, es schnell und fromm zu lösen; zeig es Gott, und wenn es schwer ist, auch einem Menschen.

Ps 139,23-24 „Erforsche mich, Gott, und erkenne mein Herz; prüfe mich und erkenne, wie ich's meine. Und sieh, ob ich auf bösem Wege bin, und leite mich auf ewigem Wege.“
Henri Nouwen · Der Weg des Herzens

„Die Einsamkeit ist der Schmelzofen der Verwandlung.“

101

Widerstand ist ein gutes Zeichen

C. S. Lewis gibt zu, dass Gebet unangenehm ist und eine Ausrede, es auszulassen, immer willkommen – und fragt, warum wohl. Der Widerstand, den du genau vor dem Gebet spürst und nicht vor anderen Tätigkeiten, verrät, dass hier etwas Wichtiges geschieht. Wenn es um nichts ginge, würde sich nichts wehren.

102

Jag nicht dem gestrigen Erlebnis nach

Das Manna ließ sich nicht für den nächsten Tag aufheben – es wurde wurmig. Genauso ein starkes geistliches Erlebnis: Es ist ein Geschenk für diesen Tag. Wer versucht, es zu wiederholen, macht aus dem Gebet den Versuch, ein Gefühl herzustellen, und an der Herstellung beteiligt sich Gott nicht. Danke und geh weiter in den neuen Tag, ohne zu erwarten, dass er wie der gestrige wird.

Ex 16,19-20 „Und Mose sprach zu ihnen: Niemand lasse etwas davon übrig bis zum nächsten Morgen. Aber sie gehorchten Mose nicht. Und etliche ließen davon übrig bis zum nächsten Morgen; da wuchsen Würmer darin, und es wurde stinkend.“
103

Scham und Unwürdigkeit

Petrus sagte „geh weg von mir“ – und Jesus ging nicht weg. Pierre-Marie vom Kreuz vergleicht unser frommes Verdecken mit Adams Feigenblättern: Die Nacktheit verdecken wir damit nicht, wir machen sie nur lächerlich. Das Gefühl der Unwürdigkeit ist wahr, aber der Schluss „dann gehe ich lieber nicht“ ist eine Lüge. Der Unwürdige kommt; das ist das ganze Evangelium.

Lk 5,8 „Da das Simon Petrus sah, fiel er Jesus zu Füßen und sprach: Herr, geh weg von mir! Ich bin ein sündiger Mensch.“
104

Müdigkeit: geh schlafen

Elija wollte sterben, und Gott schickte ihm einen Engel mit Brot und Schlaf, nicht mit einer Predigt. Manchmal ist die geistlichste Antwort auf ein leeres Gebet, sich auszuschlafen, zu essen und hinauszugehen. Erschöpfung gibt sich als geistliche Krise aus, aber sie ist keine Krise. Kümmere dich zuerst um den Körper; er ist der Träger des Gebets.

1 Kön 19,5-7 „Und er legte sich hin und schlief unter dem Wacholder. Und siehe, ein Engel rührte ihn an und sprach zu ihm: Steh auf und iss! (…) Und er aß und trank und legte sich wieder schlafen. Und der Engel des Herrn kam zum zweiten Mal wieder und rührte ihn an und sprach: Steh auf und iss! Denn du hast einen weiten Weg vor dir.“
105

Ein langes „Nichts“ kann eine neue Phase sein

Thomas Green beschreibt, wie das Gebet „austrocknet“ – nicht nur als Prüfung, sondern als Übergang: Gott hört auf, Wasser aus dem Brunnen zu geben, um dich zu lehren, aus einer anderen Quelle zu leben. Wenn dir die Betrachtung, die früher funktionierte, lange „nicht geht“, führt dich Gott vielleicht zu einem einfacheren Sein bei ihm ohne Gedanken. Das Zeichen: Das Alte geht nicht, aber weggehen willst du nicht.

Jes 43,19 „Siehe, ich will ein Neues schaffen, jetzt wächst es auf, erkennt ihr's denn nicht? Ich mache einen Weg in der Wüste und Wasserströme in der Einöde.“
106

Psyche und Geist

Nicht jede Dunkelheit ist eine geistliche Nacht. Anhaltende Niedergeschlagenheit, Verlust der Lust an allem, Schlafstörungen – das kann Erschöpfung oder Krankheit sein, über die man mit einem Arzt sprechen sollte. Geistliche Trockenheit betrifft vor allem das Gebet und Gott; wenn sie das ganze Leben betrifft, such auch andere Hilfe. Danach zu fragen ist kein Mangel an Glauben; es ist Wahrhaftigkeit.

Ps 42,6 „Was betrübst du dich, meine Seele, und bist so unruhig in mir? Harre auf Gott; denn ich werde ihm noch danken, dass er mir hilft mit seinem Angesicht.“
107

Unterscheide, was dir gekommen ist

Johannes warnt, nicht „jedem Geist“ zu glauben. Ein Gedanke, der im Gebet kommt, kann von Gott sein, von mir oder von anderswoher. Die klassischen Kriterien: Er stimmt mit der Schrift überein; er führt zur Demut, nicht zum Gefühl, etwas Besonderes zu sein; er hinterlässt Frieden, nicht Unruhe; und Zeit und ein erfahrener Mensch bestätigen ihn. Ein starkes Gefühl allein beweist nichts.

1 Joh 4,1 „Ihr Lieben, glaubt nicht einem jeden Geist, sondern prüft die Geister, ob sie von Gott sind; denn viele falsche Propheten sind hinausgegangen in die Welt.“
108

Tränen

Tränen im Gebet sind weder unbedingt ein Zeichen von Schwäche noch unbedingt ein Zeichen von Gottes Nähe; sie sind ein Zeichen, dass sich etwas gelöst hat. Die Wüstenväter hielten sie für ein Geschenk, warnten aber davor, sie sich herbeizuführen. Wenn sie kommen, lass sie; wenn sie nicht kommen, fehlt nichts.

Ps 126,5 „Die mit Tränen säen, werden mit Freuden ernten.“
08 · DANACH8 Tipps

Nach dem Gebet und im Lauf des Tages

Moses' Gesicht leuchtete, ohne dass er es wusste. Was nach dem Gebet geschieht, entscheidet darüber, ob es überhaupt Gebet war.

109

Geh nicht sofort weg

Die letzte Minute des Gebets gehört dem Übergang: Danke kurz, frag, was du mitnimmst, und steh langsam auf. Wer von der Stille direkt zum Telefon springt, löscht in drei Sekunden, was eine halbe Stunde lang geschah. Mose stieg vom Berg herab; steig vom Gebet nicht mit dem Aufzug herab.

Ex 34,29 „Als nun Mose vom Berge Sinai herabstieg, hatte er die zwei Tafeln des Gesetzes in seiner Hand, und Mose wusste nicht, dass die Haut seines Angesichts glänzte, weil er mit Gott geredet hatte.“
110

Ein Blumenstrauß für den Tag

Franz von Sales rät, aus der Betrachtung einen „geistlichen Blumenstrauß“ mitzunehmen: einen Gedanken oder Satz, zu dem du im Lauf des Tages zurückkehrst wie zu einer am Morgen berochenen Blume. Schreib ihn auf einen Zettel, ins Telefon, auf die Hand. Man muss sich nicht das ganze Gebet merken; ein Satz, der den Tag überlebt, genügt.

Franz von Sales · Anleitung zum frommen Leben II/7

„Wer in einem schönen Garten spazieren geht, verlässt ihn ungern, ohne ein paar Blumen gepflückt zu haben.“

111

Die Gewissenserforschung am Abend

Fünf Schritte, die fünf Minuten dauern: Danke für heute; bitte um Licht; geh den Tag von morgens bis abends durch und beachte, wo Gott war und wo du warst; bereue und nimm die Vergebung an; entscheide dich für morgen. Ignatius hielt dieses Gebet für das einzige, das niemand auslassen darf – gerade weil es lehrt, Gott im Alltag zu sehen.

Klgl 3,40 „Lasst uns forschen und prüfen unsern Wandel und uns zum Herrn bekehren!“
112

Die Übung der Gegenwart Gottes

Bruder Lorenz lernte, in ständigem Gespräch mit Gott zu leben, mit einer einfachen Methode: Wann immer er sich erinnerte, wandte er sich mit einem Wort an Gott – mitten in der Arbeit, im Gespräch, beim Gehen. Zuerst vergaß er es hundertmal am Tag; nach Jahren ging es von selbst. Paulus sagt, dass wir in Gott „leben, uns bewegen und sind“: Es geht nicht darum, Gott herbeizurufen, sondern zu bemerken, dass er da ist.

Apg 17,28 „Denn in ihm leben, weben und sind wir; wie auch einige Dichter bei euch gesagt haben: Wir sind seines Geschlechts.“
Bruder Lorenz · Die Übung der Gegenwart Gottes, Briefe

„Ein kleines Erheben des Herzens genügt; es genügt auch mitten in der Schlacht, mit dem Schwert in der Hand.“

113

Das Sakrament des gegenwärtigen Augenblicks

Jean-Pierre de Caussade lehrt, dass Gottes Wille nicht irgendwo in der Zukunft liegt, sondern in dem, was gerade ist: in dieser Aufgabe, in diesem Menschen, in diesem Warten. Inneres Gebet über den Tag heißt, jeden Augenblick als Ort anzunehmen, an dem Gott kommt. „Dies ist der Tag, den der Herr macht“ – nicht nur der Sonntag, sondern auch der Dienstag im Amt.

Ps 118,24 „Dies ist der Tag, den der Herr macht; lasst uns freuen und fröhlich an ihm sein.“
Jean-Pierre de Caussade · Hingabe an die göttliche Vorsehung

„Der gegenwärtige Augenblick ist immer voll unendlicher Schätze.“

114

Bezieh den Körper in die Erinnerungen ein

Israel hatte die Worte des Gesetzes an den Händen, an der Stirn, an den Türpfosten. Schaff dir deine „Türpfosten“: eine Schwelle, an der du bei jedem Durchgang einen Satz betest; das Händewaschen als Moment der Hingabe; das Anhalten am Auto vor dem Starten. Der Körper merkt sich Erinnerungen besser als der Kopf. Innerhalb eines Monats wird die Gewohnheit automatisch, und der Tag bekommt einen Rhythmus.

Dtn 6,8-9 „Und du sollst sie binden zum Zeichen auf deine Hand, und sie sollen dir ein Merkzeichen zwischen deinen Augen sein, und du sollst sie schreiben auf die Pfosten deines Hauses und an die Tore.“
115

Nach dem Fall kehr sofort zurück

Der Gerechte „fällt siebenmal und steht wieder auf“. Wenn du morgens auslässt oder mittags etwas tust, wofür du dich schämst, warte nicht auf einen „passenden Moment“ zur Rückkehr. Die Rückkehr ist immer jetzt, mit einem Wort. Das Gefährlichste ist nicht der Fall, sondern die Stunde danach, in der man sich schämt, sich zu nähern.

Spr 24,16 „Denn ein Gerechter fällt siebenmal und steht wieder auf; aber die Gottlosen versinken im Unglück.“
116

Teile nicht alles

Gott vertraut sein „Geheimnis“ denen an, die ihn fürchten. Was du im Gebet erlebst, muss und soll oft nicht in der Kleingruppe oder in sozialen Netzwerken geteilt werden. Teile die Frucht (Geduld, Entscheidungen, Vergebung), nicht die Erlebnisse. Ein veröffentlichtes Erlebnis wird oft zum Besitz, um den man dann fürchtet.

Ps 25,14 „Der Herr ist denen Freund, die ihn fürchten; und seinen Bund lässt er sie wissen.“
09 · JAHRE12 Tipps

Hindernisse, Krisen und Rückkehr

Jeder, der sich auf das innere Gebet einlässt, gibt es irgendwann auf. Der einzige Unterschied zwischen denen, die ankommen, und denen, die nicht ankommen: Die ersten sind zurückgekommen.

117

Der größte Feind ist die Niedergeschlagenheit

Nicht die Zerstreuung, nicht die Sünde, nicht der Zeitmangel, sondern das Gefühl „das hat keinen Sinn“. Teresa bittet, dass, wer mit dem Gebet begonnen hat, nie aufhöre, was auch geschehe, denn der Herr wird ihn am Ende in den Hafen des Lichts führen. Pierre-Marie vom Kreuz beendet sein Buch mit einer einzigen Anweisung: nie aufhören. Die Niedergeschlagenheit ist ein Lügner; man erkennt sie daran, dass sie eine einzige Lösung anbietet – aufhören.

Teresa von Ávila · Das Buch meines Lebens 8/4

„Wer das Gebet nicht aufgibt, den führt der Herr am Ende in den Hafen des Lichts.“

118

Nach der Sünde komm früher zurück, nicht später

Der verlorene Sohn kam schmutzig zurück, und der Vater lief ihm entgegen. Die häufigste Falle: „Zuerst bringe ich mich in Ordnung, dann fange ich wieder an zu beten.“ Es ist umgekehrt. Das Gebet ist der Ort, an dem du dich in Ordnung bringst. Wer nach der Sünde vor dem Gebet flieht, flieht vom einzigen Ort, an dem sich mit der Sünde etwas machen lässt.

Lk 15,20 „Und er machte sich auf und kam zu seinem Vater. Als er aber noch weit entfernt war, sah ihn sein Vater und es jammerte ihn; er lief und fiel ihm um den Hals und küsste ihn.“
119

Hör auf, die Methoden zu wechseln

Wenn ein Weg nicht geht, versucht der Anfänger einen zweiten, dritten, fünften – und kennt nach einem Jahr fünf Anfänge und keine Fortsetzung. Abba Mose schickte den Bruder, der bei ihm ein Wort suchte, zurück in seine Zelle: Die Zelle wird dich alles lehren. Wähle einen Weg, gib ihm ein Jahr, und beurteile ihn erst dann. Jeremia rät, nach den „Wegen der Vorzeit“ zu fragen, nicht nach den neuesten.

Jer 6,16 „So spricht der Herr: Tretet hin an die Wege und schaut und fragt nach den Wegen der Vorzeit, welches der gute Weg sei, und wandelt darin, so werdet ihr Ruhe finden für eure Seele.“
Abba Mose · Aussprüche der Wüstenväter

„Geh, sitz in deiner Zelle, und die Zelle wird dich alles lehren.“

120

Warte nicht auf die Lust

Der Sohn im Gleichnis sagte „ich will nicht“ und ging dann doch. Die Lust zum Gebet kommt meistens erst beim Beten, nicht vorher; wer wartet, bis er sie hat, fängt nie an. Jacques Philippe sagt es ohne Umschweife. Bete, weil es Zeit ist, nicht weil du Lust hast; die Lust kommt unterwegs dazu oder nicht, und das Gebet gilt in beiden Fällen.

Mt 21,29 „Er antwortete aber und sprach: Ich will nicht. Danach reute es ihn, und er ging hin.“
Jacques Philippe · Zeit für Gott

„Wenn wir warten müssten, bis wir Lust dazu haben, würden wir vielleicht bis ans Ende unseres Lebens warten.“

121

Wenn das Gebet „nicht funktioniert“

Das Gebet funktioniert nicht, weil es kein Apparat ist. Teresa sagt, der Herr schaue nicht auf die Größe der Werke, sondern auf die Liebe, mit der sie getan werden – und dasselbe gilt für das Gebet: Er schaut nicht darauf, wie lange und wie gut, sondern mit welcher Liebe. Ersetze die Frage „funktioniert es?“ durch die Frage „liebe ich mehr?“. Frag nach einem halben Jahr die Menschen um dich, ob sich etwas geändert hat. Sie wissen es.

Teresa von Ávila · Die Innere Burg 7/4/15

„Der Herr schaut nicht so sehr auf die Größe der Werke als auf die Liebe, mit der sie getan werden.“

122

Acedia, der Mittagsdämon

Die Wüstenväter kannten einen Zustand, in dem der Tag endlos scheint, die Zelle unerträglich und jede andere Tätigkeit verlockender als das Gebet – Evagrius nennt ihn den Mittagsdämon. Heute nennt man ihn Langeweile, Prokrastination, Burnout. Die Behandlung ist dieselbe wie damals: am Ort bleiben und nichts anderes tun, bis er geht. Wegzulaufen heißt, ihm anderswo zu begegnen.

Ps 91,5-6 „Du brauchst nicht zu fürchten den Schrecken der Nacht, den Pfeil, der am Tage fliegt, die Pest, die im Finstern schleicht, die Seuche, die am Mittag Verderben bringt.“
Evagrius Pontikos · Praktikos 12

„Der Dämon der Acedia, auch Mittagsdämon genannt, ist der schwerste von allen.“

123

Der verborgene Gott

„Fürwahr, du bist ein verborgener Gott.“ Eine Zeit, in der Gott schweigt, ist kein Beweis der Abwesenheit; sie ist eine Weise der Gegenwart, die uns lehrt, uns nicht mehr auf das Gefühl zu stützen. Pierre-Marie vom Kreuz fragt, wie wir etwas sehen könnten, wenn wir aufhörten hinzuschauen. Den verborgenen Gott sucht man nicht mit geschlossenen Augen.

Jes 45,15 „Fürwahr, du bist ein verborgener Gott, du Gott Israels, der Heiland.“
124

Schuldgefühle wegen zu wenig Gebet

Das Schuldgefühl, dass du zu wenig betest, hat noch nie jemanden zum Gebet gebracht; es hat nur zu weiterem Aufschieben geführt. Gott „weiß, dass wir Staub sind“. Ersetze die Schuld durch Sehnsucht: nicht „ich sollte“, sondern „ich will“. Und dann bete fünf Minuten, nicht die halbe Stunde, die du „gesollt hättest“.

Ps 103,14 „Denn er weiß, was für ein Gebilde wir sind; er gedenkt daran, dass wir Staub sind.“
125

Vergleich dich nicht mit den Mystikern

Teresa, Johannes vom Kreuz, Elisabeth von der Dreifaltigkeit – ihre Texte sind wunderbar und erwecken leicht den Eindruck, dein Gebet sei dagegen nichts. Paulus fragt: „Was hast du, das du nicht empfangen hast?“ Ihre Gnade war ihre; deine ist deine. Lies sie als Karte, nicht als Maßstab.

1 Kor 4,7 „Denn wer gibt dir einen Vorrang? Was hast du, das du nicht empfangen hast? Wenn du es aber empfangen hast, was rühmst du dich dann, als hättest du es nicht empfangen?“
126

Krankheit, Verlust, Bruch

Hiob sagt am Ende nicht „ich habe verstanden“, sondern „ich habe dich gesehen“. Krisen, die das Leben zerbrechen, zerbrechen oft auch die eingespielte Weise des Betens. Versuch nicht, in ihnen zu tun, was du vorher getan hast; es genügt zu sitzen und da zu sein, auch ohne Worte. Pierre-Marie vom Kreuz spricht vom Kreuz des Alltags, das zum Gebet wird, wenn du es vor Gott trägst.

Hi 42,5 „Ich hatte von dir nur vom Hörensagen vernommen; aber nun hat mein Auge dich gesehen.“
127

Neustart: „Hier bin ich“

Mose am Dornbusch hatte keinen Plan; er sagte „hier bin ich“. Wenn du monate- oder jahrelang nicht in der Stille warst, beginn nicht damit, Methoden zu studieren. Setz dich hin, sag „hier bin ich“ und bleib zehn Minuten. Morgen wieder. Das ist der ganze Neustart. Gott braucht nicht, dass du nachholst, was du versäumt hast.

Ex 3,4 „Als aber der Herr sah, dass er hinging, um zu sehen, rief Gott ihn aus dem Busch und sprach: Mose, Mose! Er antwortete: Hier bin ich.“
128

Geistlicher Stolz

Der Pharisäer „betete bei sich selbst so“ – und dankte dafür, wie er war. Pierre-Marie vom Kreuz weist darauf hin, dass schon das Wörtchen „mein“ in „mein Gebet“ verrät, dass wir angefangen haben, es zu besitzen. Wer länger betet, beginnt leicht, die zu verachten, die „nur Bitten und Amen“ beten. In diesem Moment ist sein Gebet schlechter als ihres.

Lk 18,11 „Der Pharisäer stand für sich und betete so: Ich danke dir, Gott, dass ich nicht bin wie die andern Leute, Räuber, Betrüger, Ehebrecher oder auch wie dieser Zöllner.“
10 · JAHRE9 Tipps

Der lange Weg

Inneres Gebet ist kein Projekt für ein halbes Jahr. Dieses Kapitel bietet Orientierung für die Jahre voraus.

129

Eine Karte, kein Springen

Teresa beschreibt die sieben Wohnungen der Burg: Der Weg hat Phasen, und in jeder verändert sich das Gebet. Die Karte zu kennen hilft, nicht in Panik zu geraten, wenn sich etwas ändert – und nicht überspringen zu wollen. Das Tor in die Burg ist das Gebet; weiter geht man nicht schneller, als der Herr führt. Psalm 84 beschreibt Pilger, die „von Kraft zu Kraft“ gehen, aber sie gehen.

Ps 84,6-8 „Wohl den Menschen, die dich für ihre Stärke halten und von Herzen dir nachwandeln! Wenn sie durchs dürre Tal ziehen, wird es ihnen zum Quellgrund, und Frühregen hüllt es in Segen. Sie gehen von einer Kraft zur andern und schauen den wahren Gott in Zion.“
Teresa von Ávila · Die Innere Burg 1/1/7

„Das Tor, durch das man in diese Burg eintritt, ist das Gebet und die Betrachtung.“

130

Ein Buch, langsam

Der Prediger warnt, dass des vielen Büchermachens kein Ende ist. Lies nicht fünf Bücher über das Gebet; lies eines (etwa Das Gebet des Armen oder Zeit für Gott) viermal, mit Bleistift, ein Kapitel pro Woche, und tu, was es sagt. Ein Buch über das Gebet, das nicht zum Gebet führt, ist nur eine weitere Zerstreuung.

Koh 12,12 „Und über dies alles, mein Sohn, lass dich warnen; denn des vielen Büchermachens ist kein Ende, und viel Studieren macht den Leib müde.“
131

Ein geistlicher Freund

Eisen schärft Eisen. Find einen Menschen, dem du einmal im Monat die Wahrheit über dein Gebet sagst – er muss kein Fachmann sein, es genügt, dass er betet und schweigen kann. Inneres Gebet ohne Rückmeldung entartet leicht in Selbsttäuschung. Im evangelikalen Umfeld nennen wir das „Rechenschaft“; die Kirche nannte es tausend Jahre lang geistliche Begleitung.

Spr 27,17 „Ein Messer wetzt das andere und ein Mann den andern.“
132

Gemeinsame Stille in der Kleingruppe

Versuch in der Kleingruppe statt fünf Minuten „Austausch“ fünf Minuten gemeinsamer Stille über einem Vers. Es wird unangenehm sein, und das ist gut. Gemeinsame Stille lehrt, dass Gebet keine Leistung vor anderen ist. Eine Gemeinde, in der die Menschen gemeinsam vor Gott schweigen können, kann auch gemeinsam reden.

Ps 133,1 „Siehe, wie fein und lieblich ist's, wenn Brüder einträchtig beieinander wohnen!“
133

Die Frucht ist der einzige Maßstab

Frag nach einem Jahr nicht „wie tief bin ich gekommen“, sondern „bin ich geduldiger? vergebe ich schneller? habe ich weniger Angst? habe ich mehr Zeit für Menschen?“ Den Baum erkennt man an der Frucht, nicht an Erlebnissen. Wer nach Jahren des Gebets ein härteres Herz hat, hat schlecht gebetet, was immer er dabei gefühlt hat.

Mt 7,16 „An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen. Kann man denn Trauben lesen von den Dornen oder Feigen von den Disteln?“
134

Kontemplation im Alltäglichen

Mit der Zeit geschieht es, dass das Gebet über die feste Zeit hinausfließt: Bäume, Gesichter, Arbeit beginnen, „die Herrlichkeit Gottes zu erzählen“. Johannes vom Kreuz sieht den Bräutigam durch die Welt gehen und mit einem bloßen Blick die Schöpfung in Schönheit gekleidet zurücklassen. Das ist das Ziel: keine halbe Stunde Stille, sondern ein Leben, das sieht.

Ps 19,2 „Die Himmel erzählen die Ehre Gottes, und die Feste verkündigt seiner Hände Werk.“
Johannes vom Kreuz · Geistlicher Gesang 5

„Tausend Gnaden verstreuend ging er eilends durch diese Haine, und indem er sie im Vorübergehen anschaute, ließ er sie allein durch seinen Blick in Schönheit gekleidet zurück.“

135

Gebet ohne Unterlass

„Betet ohne Unterlass“ ist kein unerfüllbares Gebot, sondern die Beschreibung eines Zustands, in den das innere Gebet allmählich führt: ein Herz, das sich Gott zuwendet, auch wenn der Kopf etwas anderes tut. Theophan der Klausner beschreibt es als Stehen mit dem Geist im Herzen vor Gott. Man muss es nicht herstellen; es kommt als Frucht der Treue.

1 Thess 5,17 „Betet ohne Unterlass.“
Theophan der Klausner

„Das Wesen des Gebets ist, mit dem Geist im Herzen vor Gott zu stehen.“

136

Nie fertig

Paulus „meint nicht, dass er es schon ergriffen hat“. Gregor von Nyssa sagt, geistliches Wachstum gehe von Anfängen zu weiteren Anfängen, und die enden nie – weil Gott unendlich ist und der Weg zu ihm auch. Es gibt keinen Zustand „jetzt kann ich beten“. Es gibt nur „ich fange wieder an“, und das ist eine gute Nachricht: Du wirst nie zu spät sein.

Phil 3,12-13 „Nicht, dass ich's schon ergriffen habe oder schon vollkommen sei; ich jage ihm aber nach, ob ich's wohl ergreifen könnte, weil ich von Christus Jesus ergriffen bin. Meine Brüder, ich schätze mich selbst noch nicht so ein, dass ich's ergriffen habe. Eins aber sage ich: Ich vergesse, was dahinten ist, und strecke mich aus nach dem, was da vorne ist…“
Gregor von Nyssa · Homilien zum Hohelied 8

„Die Seele steigt von Anfängen zu Anfängen auf, die nie enden.“

137

Gott vollendet, was er begonnen hat

Der letzte Tipp gehört der Gewissheit: Was du zu beginnen beschlossen hast, hast nicht du begonnen. Und der, der begonnen hat, „wird es vollenden bis an den Tag Christi Jesu“. Inneres Gebet ist nicht dein Projekt, dessen Erfolg von deiner Ausdauer abhängt; es ist sein Werk, dessen Werkzeug deine Treue ist. Teresa hat es auf dem Lesezeichen zusammengefasst, das sie in ihrem Brevier trug: Gott allein genügt.

Phil 1,6 „Und ich bin darin guter Zuversicht, dass der in euch angefangen hat das gute Werk, der wird's auch vollenden bis an den Tag Christi Jesu.“
Teresa von Ávila · Nada te turbe

„Nichts soll dich verwirren, nichts dich erschrecken; wer Gott hat, dem fehlt nichts. Gott allein genügt.“

EMPFOHLENE LEKTÜRE

Empfohlene Lektüre

Die Auswahl ist vom Zugänglichsten zum Anspruchsvollsten geordnet. Für Anfänger genügen die ersten beiden Titel.

  1. Jacques Philippe – Zeit für Gott(tschechische Ausgabe Paulínky 2021). Die beste kurze Einführung ins innere Gebet für den völligen Anfänger; auch für Protestanten verständlich.
  2. Pierre-Marie vom Kreuz – Das Gebet des Armen(tschechische Ausgabe Karmelitánské nakladatelství 2013). Die Hauptquelle dieser Übersicht; über Armut, Zerstreuung und Beharrlichkeit.
  3. Bruder Lorenz – Die Übung der Gegenwart Gottes.Ein schmales Buch eines Kochs, der lernte, zwischen den Töpfen bei Gott zu sein.
  4. Martin Luther – Eine einfältige Weise zu beten.Anleitung für seinen Barbier: ein Kranz aus vier Strängen; in tschechischen Auswahlbänden aus Luthers Werk zu finden.
  5. Dietrich Bonhoeffer – Gemeinsames Leben(Kapitel Der einsame Tag) und Das Gebetbuch der Bibel. Die protestantische Schule der Betrachtung eines Textes über eine ganze Woche.
  6. C. S. Lewis – Briefe an Malcolm.Ehrlich und witzig darüber, warum Gebet unangenehm ist und was man dagegen tun kann.
  7. Franz von Sales – Anleitung zum frommen Leben(2. Teil). Praktische Schritte der Betrachtung für Laien, einschließlich Vorbereitung und „Blumenstrauß“.
  8. Teresa von Ávila – Das Buch meines Lebens, Der Weg der Vollkommenheit, Die Innere Burg.Beginn mit dem Weg der Vollkommenheit (Kapitel 26–29 über das Gebet); die Innere Burg ist die Karte des ganzen Weges.
  9. Johannes vom Kreuz – Die dunkle Nacht, Die lebendige Liebesflamme.Für den, dem das Gebet „ausgetrocknet“ ist und der wissen will, was geschieht.
  10. Thomas H. Green – Wenn der Brunnen versiegt.Eine zugängliche Auslegung von Teresa und Johannes für den modernen Menschen in einer Zeit der Trockenheit.
  11. Jan Amos Comenius – Das Labyrinth der Welt und das Paradies des Herzens(2. Teil). Ein tschechischer Klassiker über die Rückkehr ins „Haus des Herzens“.
  12. Thomas von Kempen – Die Nachfolge Christi.Kurze Kapitel zum täglichen Wiederkäuen.
  13. Aufrichtige Erzählungen eines russischen Pilgers.Über das Jesusgebet; liest sich wie eine Geschichte.
  14. Henri Nouwen – Der Weg des Herzens(The Way of the Heart). Über Einsamkeit, Stille und Gebet nach den Wüstenvätern; kurz.
  15. Timothy Keller – Beten(tschechische Ausgabe Triton 2017). Die vollständigste protestantische Übersicht; dichter, eher für den, der eine theologische Begründung will.
  16. John Ortberg – Das Leben, das du dir immer gewünscht hast.Über Eile und geistliche Disziplinen im gewöhnlichen Leben.
  17. Richard Foster – Nachfolge feiern (Celebration of Discipline).Der Klassiker über geistliche Disziplinen einschließlich Meditation, Fasten und Einsamkeit.