T. Merton: Geschaffen für ein übernatürliches Leben

NOTIZEN AUS DER LEKTÜRE
Thomas Merton · Der Berg der sieben Stufen · Beginn des zweiten Teils

Der Mensch wurde geschaffen, um in der Unterordnung unter ein übernatürliches Leben zu leben. Er war nie für ein rein natürliches Leben und eine rein natürliche Glückseligkeit bestimmt.

Interaktiv
ÜBERNATÜRLICHE ORDNUNG
weit über den menschlichen Kräften
Grenze der menschlichen Kräfte
NATÜRLICHE ORDNUNG
eigene Kräfte, eigener Wille
ZERFALL
Mensch
heutiger Zustand
Anteil an unendlich selbstloser Liebe
die Seele als Kristall, in dem das Licht aufstrahlte
Strahl der Liebe Gottes
heiligmachende Gnade — ein Angebot von außen
kommt allein nicht hinauf
das eigene Elend eingestehen
sich selbst aufgeben,
den Willen, die Philosophie
die Gnade annehmen
eingegossene Tugenden · Gaben des Geistes
der eigene Wille
eigene Philosophie · eigene Ethik
Chaos · Zerfall · Hölle
der Weg der Natur — er führt von selbst nach unten
SCHNITT DURCH DIE WIRKLICHKEIT
Zwei Wege aus einem Menschen

Der eine führt von selbst nach unten. Den anderen kann man nicht aus eigener Kraft gehen — und doch kann der Mensch ihn betreten: indem er sein Elend eingesteht und annimmt, was von oben kommt.

→ geh die Stationen durch: vom heutigen Zustand nach unten (−1, −2) und nach oben (1–5)

Der Kristall und das Licht

Wenn ein Lichtstrahl auf einen Kristall fällt, verleiht er ihm eine neue Eigenschaft. Und wenn Gottes Liebe auf dem Instrument der menschlichen Seele spielt, geschieht dasselbe. Das ist das Leben, das heiligmachende Gnade heißt. Klicke auf den rechten Kristall und schalte das Licht aus.

Strahl der Liebe Gottes
heiligmachende Gnade
neue Eigenschaft:
Licht geht weiter
dasselbe
Kristall im Dunkeln
die Seele auf ihrer natürlichen Ebene — vollkommen, aber ohne Licht
ihr fehlt etwas, das sie nur von außen empfangen kann
Kristall im Licht
wenn Licht in ihm aufstrahlt, wird er gleichsam selbst zu Licht
Glanz einer höheren Natur — der Natur des Lichts in ihm
…und im Licht?
klicke auf den Kristall
SEELE
auf ihrer natürlichen Ebene belassen
Ebene
in die übernatürliche Ordnung erhoben
dem Wesen nach vollkommen, aber im Dunkeln
Zustand
als wäre er selbst zu Licht geworden
eigener Wille, eigene Philosophie, eigene Ethik
am Steuer
Selbstaufgabe — und Annahme dessen, was von oben kommt
natürliche Liebe — „immer in gewissem Sinn selbstsüchtig“
Liebe
Anteil an unendlich selbstloser Liebe
durch Übung erworbene Tugenden — so weit die menschlichen Kräfte reichen
Ausstattung
eingegossene Tugenden (Glaube, Hoffnung, Liebe) und die sieben Gaben des Geistes
Chaos, Zerfall, Hölle
wohin es führt
das Leben, das heiligmachende Gnade heißt

„Die Seele, auf ihrer eigenen natürlichen Ebene belassen, ist ein potenziell klarer Kristall, der im Dunkeln bleibt. Seinem Wesen nach ist er vollkommen, doch ihm fehlt etwas, das er nur von außen und jenseits seiner selbst empfangen kann. Sobald aber Licht in ihm leuchtet, wird er gleichsam zu Licht und scheint seine Natur im Glanz einer höheren Natur zu verlieren — der Natur des Lichts, das in ihm ist.“

Thomas Merton: Der Berg der sieben Stufen, 2. Teil, Kapitel „With a Great Price“
Die Gnade zerstört die Natur nicht

Ein Kristall im Licht hört nicht auf, ein Kristall zu sein — er tut endlich das, wofür er geschliffen wurde. Die Dunkelheit hat an ihm nichts verdorben, aber auch nichts erleuchtet. Das Licht kommt nicht aus dem Kristall; der Kristall ist für das Licht da. Darum spricht Merton nicht von einem besseren Menschen, sondern von einem Menschen, dem etwas fehlt, das er sich nicht selbst geben kann.

Glossar

Merton, ein frischer Konvertit, schreibt in der Sprache der thomistischen Theologie, die er gerade erst gelernt hat. Drei Begriffe genügen, damit das Kapitel Sinn ergibt.

1
Heiligmachende Gnade

Ein bleibender Zustand, kein flüchtiges Gefühl: Gottes eigenes Leben, das mit der Seele geteilt wird (2. Petr 1,4 — „Anteil an der göttlichen Natur“). Verliehen in der Taufe — darum endet das Kapitel am Taufbecken. Sie ist keine Hilfe zum guten Handeln, sondern eine neue Natur, aus der gutes Handeln erst erwächst.

2
Eingegossene Tugenden

Glaube, Hoffnung und Liebe (1. Kor 13,13). „Eingegossen“ im Gegensatz zu „erworben“: Eine natürliche Tugend trainierst du durch Wiederholung (die Tapferkeit und Mäßigung des Aristoteles), diese drei nicht — Gott gießt sie zusammen mit der Gnade in die Seele. Es sind Fähigkeiten, an die die menschliche Natur von selbst nicht heranreicht.

3
Gaben des Heiligen Geistes

Sieben nach Jes 11,2: Weisheit, Verstand, Rat, Stärke, Erkenntnis, Frömmigkeit und Gottesfurcht. Anlagen, durch die der Mensch Gottes Führung bereitwillig folgt — in Mertons Bild der Strahl, der sich im Kristall in einzelne Farben bricht.

Wo wir in der Geschichte stehen

Das Ende des ersten Teils fand Merton an der Columbia University (1937–38): Gilsons Der Geist der mittelalterlichen Philosophie gab ihm den Begriff Gottes als aseitas — das Sein aus sich selbst; Huxleys Ends and Means führte ihn zu Mystik und Askese; der hinduistische Mönch Bramachari riet ihm, Augustins Bekenntnisse und die Nachfolge Christi zu lesen; und Blake, das Thema seiner Abschlussarbeit, lehrte ihn, dass Kunst ohne Glauben eine Sackgasse ist. Der zweite Teil beginnt also mit einer theoretischen Zusammenfassung dessen, was sich in ihm angesammelt hatte — und erzählt dann, wie es ausging: die Lektüre über Hopkins, der Satz „Worauf wartest du noch?“, der Weg nach Corpus Christi zu P. Ford und die Taufe am 16. November 1938.

Kontext aus anderen Kapiteln des Buches ergänzt — in der Einleitung des Kapitels selbst stehen diese Details nicht.
Quellen
Thomas Merton — The Seven Storey Mountain (1948), Teil 2, Kap. 1 „With a Great Price“ — der Eingangsabschnitt über Natur und Gnade, das Bild des Kristalls
Schrift — 1. Kor 6,20 (teuer erkauft) · 2. Petr 1,4 (Anteil an der göttlichen Natur) · 1. Kor 13,13 (Glaube, Hoffnung, Liebe) · Jes 11,2 (sieben Gaben)
Begriffe — heiligmachende Gnade, eingegossene Tugenden und Gaben des Geistes nach Thomas von Aquin (Summa theologiae I-II, q. 62–68), aus dem Merton nach seiner Konversion schöpfte