TALK · 2024 · BERGPREDIGT

Teure Gnade

Der Anfang der Bergpredigt: die Seligpreisungen, Salz und Licht — und Bonhoeffers teure Gnade.

Matthäus

  • Lernt den Autor des heutigen Textes kennen. So sieht der Apostel Matthäus in der aktuellen Serie The Chosen aus. Die Serie erzählt die Geschichte von Jesus und seinen Jüngern, und Matthäus ist darin eine der markantesten Figuren.
  • Wen würde auch nicht die Geschichte eines Zöllners fesseln, der bereit war, von seinen Nachbarn und Landsleuten Steuern für die Unterdrücker einzutreiben, die Besatzer ihres Landes — für Rom. Alle verachteten ihn. Alle — außer Jesus, dem es wie eine gute Idee vorkam, von allen Menschen ausgerechnet ihn anzusprechen, damit er ihm nachfolgt und einer der Jünger wird.
  • Ja, so absurd es klingt: Ein Zöllner wurde zum Repräsentanten des Reiches Gottes.

Eine Kostprobe Geometrie

  • In Matthäus muss sich jeder Leser seines Evangeliums verlieben, denn er ist einfach genial. Ihr könnt ihn euch vor einer Ermittlertafel vorstellen, wie er mit Schnüren einzelne Ereignisse und Personen des Alten Testaments mit dem Leben Jesu verbindet. Das Ergebnis ist ein Evangelium, das an ein perfekt symmetrisches geometrisches Muster erinnert.
  • Am Anfang seines Evangeliums taucht 7-mal die Formulierung „das geschah, damit erfüllt würde“ auf — und weil 7 die Zahl der Fülle ist, zeigt er damit klar: Seht ihr, Jesus erfüllt alle Prophezeiungen über den Messias.
  • Er baut seine Erzählung so auf, dass niemandem die Parallele zu Mose entgeht:
  • Mose wuchs in Ägypten auf — genauso verbrachte Jesus einen Teil seiner Kindheit in Ägypten, wegen Herodes, der ihm nach dem Leben trachtete.
  • Mose ging durch das Wasser des Meeres — und Jesus ging durch das Wasser der Taufe.
  • Mose wanderte 40 Jahre durch die Wüste — Jesus wanderte während seines Fastens 40 Tage durch die Wüste.
  • Mose und das Volk Israel waren mit einem klaren Ziel in der Wüste: „um geprüft zu werden“ — und dasselbe steht über Jesus geschrieben, der aber im Unterschied zu seinen Vorfahren die Prüfungen bestanden hat.
  • Und jetzt aufgepasst — das betrifft direkt unseren Text: Mose stieg auf den Berg und gab dem Volk das Gesetz — Jesus stieg auf den Berg und gab dem Volk das neue Gesetz. Mose führte Israel ins verheißene Land — Jesus führt das Volk ins Reich Gottes. Mose wird mit fünf Büchern in Verbindung gebracht — Matthäus baut seine ganze Erzählung um fünf große Predigten herum auf.
  • Jesus ist kurz gesagt der neue, größere Mose, der das Volk aus der Sklaverei herausführt.
  • Und jetzt kommt die große Ankündigung. Jesus steigt auf eine erhöhte Stelle, damit ihn mehr Leute hören, greift zum Mikrofon und verkündet in seiner Bergpredigt sein Manifest: Das Himmelreich ist endlich zum Greifen nah — und deshalb müsst ihr die Richtung eures Lebens ändern. Ich sage euch, wie die Bürger meines Reiches leben sollen.

Der Aufbau der Bergpredigt

  • In drei Teile — Einleitung, Hauptteil und Schluss.
  • Der Hauptteil gliedert sich in drei Abschnitte, und jeder davon gliedert sich in drei weitere Unterabschnitte.
  • Dreimal drei ist neun — und Seligpreisungen gibt es auch neun. „Bumm“ — mind blowing.

Die Seligpreisungen

„Selig sind, die da geistlich arm sind; denn ihrer ist das Himmelreich.“

Matthäus 5,3

Selig

  • Ich weiß nicht, ob es euch auch so geht, aber ich persönlich kämpfe schwer mit biblischen Begriffen, die in der Alltagssprache nicht vorkommen — ich muss sie mir im Kopf übersetzen. Und dabei hilft mir The Bible Project sehr, das zum Beispiel „Selig seid ihr“ so übersetzt: „Ein gutes Leben haben …“
  • „Ein gutes Leben haben die geistlich Armen, denn ihrer ist das Himmelreich.“

Die geistlich Armen

  • OK — ich weiß nicht, was geistlich arm bedeutet, aber es beleidigt mich 🙂
  • Ich würde mich extrem geistlich arm fühlen, wenn mich jemand aus meinem Beruf herausreißen und zum Beispiel in eine Apotheke stecken würde — zwischen diese Hunderte unbeschrifteter Schubladen voller Medikamente mit völlig absurden Namen, die aus fremden Stoffen bestehen, die ich nicht einmal aussprechen kann, und die in dicken Büchern beschrieben sind, in denen das einfachste Wort Popocatépetl ist.
  • Und mittendrin würde das Telefon klingeln, aus dem Krankenhaus, und ein Arzt würde mich fragen: Er müsse einem Patienten das und das Medikament geben, das aber gerade nicht lieferbar ist, und bei dem er außerdem die und die Wechselwirkungen fürchtet, und bei der Dosierung seien sie sich nicht sicher … Und ich wüsste, dass die Antwort vielleicht irgendwo in irgendeinem Buch und in irgendeiner Schublade steckt, aber ich würde mich entschuldigen: Ich sei zwar nicht dumm, aber ich sei geistlich arm: Ich habe nicht die nötigen inneren Ressourcen, ich habe weder Erfahrung noch Wissen und bin darum völlig hilflos — ich habe nichts anzubieten, nichts, worauf ich aufbauen könnte, ich habe nicht das, was nötig ist, um das zu tun, was nötig ist.
  • Und den Jüngern ging es genauso. Sie hatten überhaupt nichts anzubieten. Sie ließen ihre Fischernetze oder ihre Zollstationen zurück … und plötzlich gab ihnen Jesus eine neue Berufung, und sie haben nichts, worauf sie sich stützen könnten. Sie können nur auf den hoffen, der sie berufen hat.
  • Ja, es gab auch Profis in der Umgebung, aber denen ist Jesus nicht nachgegangen, die hat er nicht ausgewählt. Das Himmelreich gehört den geistlich Armen. Er ging nicht zu den Sadduzäern — zu diesen mächtigen religiösen Eliten; er spricht nicht einmal zu den Pharisäern — diesen gestandenen und angesehenen Predigern vor Ort. Auch nicht zu den eifrigen, militanten Zeloten und nicht zu den Essener-Mönchen.
  • Wäre es nicht einfacher, auf die Fähigkeiten und den Eifer dieser Profis zu bauen? Vielleicht — aber Christus beruft die Hilflosen.
  • Und dann sehen wir, wie Zöllner und Prostituierte ins Himmelreich hineinstürmen und innerhalb kürzester Zeit mehr über Liebe und Vergebung, über Gnade wissen als die gelehrten Pharisäer, die abseits stehen und Jesus töten wollen.

Die Weinenden

  • Als Nächstes spricht er die „Weinenden“ an — also die vom Leben Zerschlagenen, die einen Verlust erlebt haben, der wirklich wehtut. So wehtut, dass er dich zu Boden wirft und du weinst. Zu solchen Menschen spricht er.
  • Und genau wie zu den Vorherigen sagt er: „Selig seid ihr“ — also „Ein gutes Leben haben die, die weinen.“ Was? Moment mal? Die Weinenden haben ein gutes Leben? Sollen wir also auch so viel wie möglich weinen? Ist das irgendein Ideal, zu dem Jesus aufruft?
  • Nein — ihr habt den Trick wahrscheinlich schon durchschaut: Das „Selig seid ihr“ bezieht sich immer erst auf den zweiten Satzteil. Also: Die Weinenden haben nicht ein gutes Leben, weil sie weinen, sondern weil der Trost schon in Sicht ist.
  • Genauso „ein gutes Leben haben die Hilflosen“ — nicht, weil sie hilflos sind, sondern weil ihnen das Reich Gottes gehört.
  • Und so wissen wir jetzt, wie die dritte Seligpreisung zu lesen ist:

Ein gutes Leben haben die Sanftmütigen, denn sie werden das Erdreich besitzen.

Matthäus 5,5 (Paraphrase)

Die Sanftmütigen

  • „Sanftmütig“ meint hier eher die, die keine starke Stimme haben — sie sind „unwichtig“, nach den Maßstäben dieser Welt sind sie „niemand“.
  • Aber gerade sie sind die Erben des Reiches Gottes — und das muss für sie geradezu explosiv geklungen haben! Vergesst nicht, dass sie in besetztem Gebiet leben und vielleicht gerade ihr Feld, das über Dutzende Generationen ihren Vorfahren gehört hatte, in den letzten Jahren an Rom gefallen ist.
  • Und plötzlich steht jemand vor ihnen, der ein neues Reich ausruft — und sie sind die Erben.

Ansprüche

Kennt er sein Publikum?

  • An den ersten drei Seligpreisungen sieht man, dass Jesus sich sehr genau bewusst ist, wer sein Publikum ist. Er weiß, zu wem er spricht: zu den geistlich Armen, den Hilflosen, den Geplagten, den Unwichtigen, zu einfachen Leuten mit einer Menge Sorgen.
  • Ja, einerseits ermutigt er sie — er ruft ein neues Reich aus, und darin ist für all diese Menschen Platz. Sie sind die Erben des neuen Reiches.

Ich würde hoffen

  • Und ich würde hoffen, dass mit Rücksicht auf diese geschundenen Menschen auch der Rest der Predigt von schönen Dingen handelt, die das Herzchen erfreuen: von Kätzchen und Kuscheltieren, von Blümchen und Herzchen, von rosa Einhörnchen, von flauschigen Welpen mit großen Kulleraugen …
  • Springen wir im Text ein Stück weiter — wir sind aber immer noch erst in der Einleitung:

Kalte Dusche

  • Jesus fährt fort:

11 Selig seid ihr, wenn euch die Menschen um meinetwillen schmähen und verfolgen und allerlei Böses gegen euch reden und dabei lügen. 12 Seid fröhlich und getrost; es wird euch im Himmel reichlich belohnt werden. Denn ebenso haben sie verfolgt die Propheten, die vor euch gewesen sind.

Matthäus 5,11–12

  • Das ist eine ordentliche kalte Dusche — sind wir nicht immer noch in der Einleitung der Predigt? Sollte das nicht irgendwo unten im Kleingedruckten stehen, mit der Entschuldigung, dass es sicher nicht alle betrifft? Man wird euch schmähen und verfolgen?
  • Wisst ihr, wie sie die Propheten verfolgt haben? Ihr vielleicht nicht — aber sie hatten Jeremia und die anderen Propheten gelesen. Und das soll ihr Schicksal sein?

Sich verstecken

  • Muss es ja nicht, oder — weil sie sich verstecken können. Sie können verheimlichen, dass sie Jesus nachfolgen, und niemand muss es erfahren, oder … Die nächsten Verse:

13 Ihr seid das Salz der Erde. Wenn nun das Salz nicht mehr salzt, womit soll man salzen? Es ist zu nichts mehr nütze, als dass man es wegschüttet und lässt es von den Leuten zertreten. 14 Ihr seid das Licht der Welt. Es kann die Stadt, die auf einem Berge liegt, nicht verborgen sein. 15 Man zündet auch nicht ein Licht an und setzt es unter einen Scheffel, sondern auf einen Leuchter; so leuchtet es allen, die im Hause sind. 16 So lasst euer Licht leuchten vor den Leuten, damit sie eure guten Werke sehen und euren Vater im Himmel preisen.

Matthäus 5,13–16

Mit anderen Worten

  • Diese Welt ist voller Verfall und Verderben — aber ihr seid Salz: Ihr haltet den Verfall auf. Ihr seid Träger des Bundes mit Gott und lebt anders — im Verhalten ist der Unterschied sofort zu erkennen. Ihr seid gerecht zu den anderen und sogar barmherzig, ihr habt ein reines Herz. Ja, ringsum ist es dämmrig und oft sogar ziemlich finster, aber in euch ist das Licht des Neuen Bundes.
  • Euch droht Verfolgung, und rein theoretisch könntet ihr etwas verheimlichen und euch verstecken — aber das ist Unsinn, oder: Kann Salz etwa seine Salzigkeit verlieren? Dann wäre es kein Salz mehr. Kann jemand, der Christus nachfolgt, etwa unerkannt bleiben? Man sieht es doch ganz klar an seinem Verhalten. Kann Licht etwa aufhören zu leuchten? Dann wäre es kein Licht. Kann Matyáš seine Matyáš-haftigkeit verlieren? Das ist doch Unsinn — dann wäre er nicht mehr Matyáš.
  • Es ist fast ein bisschen unheimlich, mit welcher Sicherheit und Selbstverständlichkeit er betont, dass man Gottes Volk einfach erkennt.
  • Erkennt ihr einen Marsmenschen, wenn ihr ihm begegnet? Na klar — er ist grün und hat kleine Antennen auf dem Kopf. Genauso klar ist es, dass ihr einen Bürger des Himmelreichs erkennt. Er ist so ein bisschen wie von einem anderen Planeten. Irgendwie juckt ihn nicht so sehr, was ihm hier auf der Erde passiert, weil seine Prioritäten und sein Leben woanders verborgen sind. Das erkennt man.
  • Was sagt Jesus also gleich am Anfang seiner Predigt? Wer mir nachfolgt, wird verfolgt und unterdrückt werden und hat auf dem T-Shirt eine richtig große, auffällige Zielscheibe aufgemalt, damit klar ist, auf wen man zielen soll.
  • Das hat er zu Menschen gesagt, die er kurz zuvor als hilflos, ohne innere Kraft, weinend und geplagt, einfach, arm beschrieben hat … Er präsentiert Verfolgung als gut bezahlten Job!!! Woooow!

Maslow

  • Am Gymnasium und an der Uni haben wir Maslows Bedürfnispyramide gelernt — das ist zwar eine abstrakte Sache, aber so weit praktisch, dass sie mir oft wieder einfällt.
  • Das sind Bedürfnisse, geordnet von den wichtigsten und dringendsten bis zu den luxuriöseren ganz oben. Und die Bedürfnisse unten müssen zumindest einigermaßen gedeckt sein, damit ihr euch mit den Bedürfnissen weiter oben beschäftigen könnt. Zuerst müsst ihr also Essen und Sicherheit für euch und eure Familie gesichert haben, damit ihr überhaupt Lust habt, euch z. B. mit dem Bedürfnis zu beschäftigen, euch irgendwie in etwas selbst zu verwirklichen.
  • Geistliche Bedürfnisse stehen ganz an der Spitze — die haben nicht einmal mehr als Schrift in das kleine Dreieck gepasst. Das ist purer Luxus für die, die in Rente sind oder sich schon in irgendeiner Karriere selbst verwirklicht haben und nicht wissen, was sie tun sollen — die können sich voll und ganz mit allem Geistlichen beschäftigen.
  • Mir ist klar geworden, dass ich zum Beispiel an die Jugendlichen genau so herangehe — ich sage mir: Sie kämpfen an so vielen Fronten, in so vielen Dingen suchen sie noch ihren Platz — in Beziehungen, in ihrer eigenen Identität — und dazu hängt in ihrem Kopf die dunkle Wolke all der schwarzen Gedanken und Szenarien über eine unsichere Zukunft… Und so habe ich mich dabei ertappt, wie ich mir sage: Es hat keinen Sinn, ihnen noch mehr aufzuladen und große Erwartungen an ihre Begeisterung für Gott und die Schrift zu haben.
  • Auch hier, wenn ich vor mich schaue, sehe ich viele Leute, die an so vielen Fronten kämpfen — und ich werde doch nicht wie ein Pharisäer sein und euch etwas aufladen, was ich vielleicht selbst nicht tragen könnte. Irgendwelche Luftschlösser… irgendein Himmelreich…
  • Jesus aber stand vor Menschen, die ärmer waren, mit viel mehr ganz grundlegenden Unsicherheiten — und er nahm die Maslowsche Bedürfnispyramide und stellte sie kurzerhand auf den Kopf. Und er sagte: Ihr könnt euch freuen, wenn schwere Dinge kommen. Das Entscheidende, worum es geht, ist das Reich Gottes. Und ihr konzentriert euch vor allem darauf, Salz der Erde und Licht der Welt zu sein.

Schluss

  • Es ist absurd, dass mich von allen Stellen in der Bibel, die den Menschen dazu aufrufen, Christus nachzufolgen, ausgerechnet diese gestoppt hat — und erst mit ihr habe ich angefangen zu begreifen, wie anspruchsvoll Christus eigentlich ist. Welche Ansprüche er an einen Menschen stellt. Erst dann ist mir aufgefallen, dass solche Ansprüche eigentlich in jeder seiner Reden stecken — so viele seiner Gleichnisse sprechen in diesem fordernden Geist:
  • Schatz: das Himmelreich als ein Schatz, für den es sich lohnt, alles zu verkaufen, was man hat (Mt 13)
  • Vater und Mutter: Wer Vater oder Mutter mehr liebt als mich, ist meiner nicht wert (Mt 10)
  • Karriere: Wo euer Schatz ist, da ist auch euer Herz — darum investiert ins Reich Gottes (Mt 6)
  • Und erst bei Bonhoeffer habe ich eine Bezeichnung für dieses Anspruchsvolle gefunden, die mir bis dahin gefehlt hat. Er formuliert es so:

Gnade ist umsonst, aber es ist teure Gnade. Sie kostet einen das Leben.

Die Reinigung von den Sünden ist wirklich umsonst und man kann sie sich nicht verdienen — aber es ist keine billige Vergebung. Man bezahlt dann jeden Tag dafür, den Rest seines Lebens. Nicht, dass es darum ginge, Christus eine Schuld zurückzuzahlen — das will Christus auf keinen Fall, und es ist auch gar nicht möglich. Es geht darum, dass es die Prioritäten eines Menschen auf den Kopf stellt, wenn er Christus kennengelernt hat.

Es geht darum, dass ein Mensch von dem Moment an, in dem er zum Glauben kam, nicht mehr sich selbst gehört — für ihn wurde ein Lösegeld bezahlt, und deshalb soll er Gott verherrlichen. Es geht darum, dass er erst mit der Rettung den Schatz gesehen hat und der ihm so kostbar war, dass er hinging und alles verkaufte, um ihn zu bekommen. Es geht darum, dass er, bevor er sich für die Nachfolge entschied, die Kosten überschlagen sollte — denn wenn ihm irgendetwas teurer wäre, ist er Christi nicht wert.

Gnade ist umsonst, aber sie ist nicht billig — sie kostet einen das Leben.

nach D. Bonhoeffer

  • Christus stand vor all den Hilflosen und Geplagten und sagte: Ich habe eine gute Nachricht für euch und ein Leben in Freude. Aber es ist ein Weg, auf den sich längst nicht jeder machen will. Es ist keine billige Gnade.
  • Er sagte: Ich weiß, wer vor mir steht. Ich weiß, dass ihr in eurem Leben eine Menge Last tragt — aber die Wirklichkeit des Reiches Gottes ist realer als diese Welt, sie ist ewig, und deshalb hat sie Vorrang. Also nehmt jeder eure Maslowsche Bedürfnispyramide und stellt sie auf den Kopf.
  • Der Anfang der Bergpredigt überführt mich in einer grundlegenden Sache: Sollte ich je den Eindruck gewinnen, dass von mir nur verlangt wird, gewissenhaft meine Rollen zu erfüllen, dann ist das eine peinliche Vereinfachung. Sollte ich den Eindruck gewinnen, dass alles freiwillig ist, dass ich mich um nichts bemühen muss, dass Gnade umsonst ist und nichts von mir erwartet wird — dann habe ich die Gnade Christi nicht verstanden. Denn er selbst redet an so vielen Stellen anders. Auch die Briefe reden anders. Die Gnade, die Christus anbot, ist umsonst, aber sie kostet einen das Leben.
  • Genau damit beschäftigen sich auch die Quellen der heutigen Predigt: N. T. Wright, Dallas Willard, BibleProject, The Chosen. Aber den Schlusspunkt soll noch jemand anderes setzen.

Bonhoeffer

  • Den Schlusspunkt unter die ganze Predigt soll Dietrich Bonhoeffer setzen. Ich erinnere kurz daran, aus welchem Holz dieser Mann geschnitzt ist:
  • In der Zeit, als Hitler an die Macht kam, arbeitete er in London — aber er wollte nicht aus sicherer Entfernung klugreden, und so kehrte er nach Deutschland zurück, um dort eine der starken Stimmen jenes Rests der Kirche zu werden, der sich gegen Hitler stellte. Er betete für die Niederlage seines eigenen Landes, und der Widerstand kostete ihn am Ende das Leben.
  • Er hat unter anderem ein schmales Büchlein geschrieben, Nachfolge — es ist wunderschön, und ich gestehe freimütig, dass ich es schlicht und einfach aus einer Kiste stibitzt habe, die schon lange im Lager liegt, und ich weigere mich, es wieder herzugeben. Mir bleibt also nur zu hoffen, dass das Bücher zum Mitnehmen waren — sonst habe ich ein großes Problem 🙂

Die Geschichte der teuren Gnade

  • Verfolgung der frühen Kirche
  • Ausbreitung des Christentums (die Gnade wurde zum Gemeingut der christlichen Welt)
  • Mönchtum (bewahrte die Erkenntnis, dass Gnade teuer ist, dass sie Nachfolge einschließt — aber Nachfolge als außergewöhnliche Leistung Einzelner)
  • Luther (ein Mönch, der zurück unter das einfache Volk ging und die Nachfolge als Standard und Gebot für alle Christen wieder einführte)

„… (Luther) ergriff im Glauben die Gnade, die frei und ohne Bedingungen alle Sünden vergibt. Dabei wusste Luther, dass er für diese Gnade mit seinem Leben bezahlt hatte und täglich weiter bezahlte. Denn die Gnade hatte ihn nicht von der Nachfolge befreit, sondern ihn im Gegenteil in sie hineingerissen.“

Ja — so hat Christus gepredigt! Ja — erst mit diesem Blick ergeben all die Appelle der Briefe einen Sinn.

D. Bonhoeffer: Nachfolge

Billige vs. teure Gnade

  • Ein abschließender Auszug aus Nachfolge — den ganzen längeren Text kannst du über den Button Bonhoeffer: Auszug (PDF) oben herunterladen.

Billige Gnade ist der Todfeind unserer Kirche. Unser Kampf heute gilt der teuren Gnade.

Billige Gnade bedeutet Gnade als Ware unter Preis, verschleuderte Vergebung, verschleuderten Trost. Sie bedeutet Gnade als unerschöpflichen Vorrat der Kirche, aus dem wir gedankenlos und ohne jedes Maß mit leichtfertiger Hand um uns werfen. Es ist Gnade, die keinen Preis hat, die nichts kostet. …

Billige Gnade heißt: Die Sünde wird gerechtfertigt, nicht der Sünder. … Billige Gnade ist Gnade ohne Nachfolge, ohne Kreuz, ohne den lebendigen Jesus Christus, für den ein Jünger seine Netze liegen lässt, um ihm nachzufolgen.

Teure Gnade ist das Evangelium, das wir immer wieder neu suchen müssen, die Gabe, um die wir bitten müssen, die Tür, an die wir klopfen müssen. Sie ist teuer, weil sie in die Nachfolge ruft — sie ist Gnade, weil sie in die Nachfolge Jesu Christi ruft. Sie ist teuer, weil ein Mensch mit seinem Leben für sie bezahlt — sie ist Gnade, weil er erst durch sie das Leben gewinnt.

Teuer ist diese Gnade vor allem deshalb, weil sie Gott teuer zu stehen kam, weil sie ihn das Leben seines Sohnes gekostet hat — und weil für uns nicht billig sein darf, was Gott so teuer war. Gnade ist sie vor allem deshalb, weil Gott sein eigener Sohn kein zu hoher Preis für unser Leben war — ja, er hat ihn für uns hingegeben. Teure Gnade, das ist Gott, der Mensch wird.

Teuer ist die Gnade, weil sie uns dazu bringt, das Joch der Nachfolge Jesu Christi auf uns zu nehmen. Gnade ist sie, wenn Jesus sagt: „Mein Joch ist sanft, und meine Last ist leicht.“

D. Bonhoeffer: Nachfolge — Billige vs. teure Gnade

Amen.

Die zweite Hälfte der Bergpredigt beim nächsten Mal — Text: 1. Petrus 1,13–21, Thema: „Seid heilig, denn ich bin heilig!“

Teure Gnade · Bergpredigt · Mt 5,1–16 · 2024